09.02.2004 — Das Unbehagen vieler Gläubiger innerhalb der Institution Kirche ist keineswegs ein Phänomen des 20. Jahrhunderts. Bereits sieben Jahrhunderte zuvor hatten Spannungen zwischen der hierarchisch erstarrten Kirche und der volkstümlichen Religiosität dazu geführt, dass viele Gläubige ihr religiöses Leben ausserhalb liturgisch gebundener Riten fortstetzten im Sinn des apostolischen Wanderpredigers Giovanni Bernardone, dem 1226 gestorbenen Franz von Assisi, dem «poverello», der sich von der Prunkentfaltung kirchlicher Würdenträger abgewandt hatte. Vom Schutzheiligen Italiens haben sich einige Predigten («Laudes») erhalten und sein Sonnengesang («Il Cantico di frate Sole» von 1224), eines der frühesten Zeugnisse italienischer Sprachkunst.
Sie zogen in Prozessionen durch die Strassen umbrischer Städte und Dörfer, sangen Lieder zu Ehren Gottes, der Jungfrau Maria und der Heiligen, nannten sich Disciplinati di Gesù Cristo, Compagnía di Santo Spirito oder Confraternità di Santa Maria delle Laudi. Sie beriefen sich auf die Botschaft der geistigen Erneuerung, wie sie Franz von Assisi gepredigt hatte, und fanden sich ausserhalb kirchlicher Institutionen zusammen in religiösen Bruderschaften, den Laudesi. Ihre Lobgesänge, die Laude (Einzahl Lauda), wurden in Anlehnung an den gregorianischen Choral und populäre Weisen einstimmig, doch nicht auf lateinische, sondern auf volkssprachliche Texte gesungen. Typisch ist die Distanz vom gregorianischen Gesang durch grössere melodische Spannweite und stark tonales Empfinden.
Berühmter ist eine andere, um 1260 in Umbrien aufgekommene religiöse Laienbewegung, welche sich ebenfalls auf Franziskus berief: die sich bis aufs Blut kasteienden Geissler oder Flagellanten. Aus ihren im Zusammenhang mit den Compagnie de’ Laudesi stehenden Geisslergesängen gingen nach dem Pestjahr 1349 von Österreich aus viele geistliche deutsche Volksgesänge des Spätmittelalters hervor.
Dass eine grosse Zahl von Laude schon aus der ersten, der einstimmigen Epoche (2. Hälfte des 13. Jahrhunderts) erhalten geblieben ist, hat man den wohl franziskanischen Schreibern zu verdanken, die sie in Folianten aufzeichneten. Nur zwei dieser Laudenhandschriften sind komplett mit Texten und Musik erhalten: eine Sammlung in Florenz und der Codex 91 der Accademia Etrusca des alten, auf der Grenze zwischen der Toscana und Umbrien gelegenen Städtchens Cortona.
Die Laude des Manuskripts von Cortona gelten als das erste Dokument, das vom Gebrauch der italienischen volgare, der regionalen Dialekte, und nicht mehr des Lateins in der Musik zeugt. Der Codex 91 versammelt zwischen 1259 und 1270 erfasste Gesänge in Neumennotation. In vier der Texte wird auch deren Dichter besungen, doctore Garço, Petrarcas Urgrossvater.
Der vor zehn Jahren gegründete baskische Kammerchor Eresmin, spezialisiert auf Musik des Mittelalters und der Renaissance, hat unter der Leitung von Nekane Lasarte 19 Laude zusammengestellt, inhaltlich Lobpreisungen Marias und Lebensstationen Christi von der Geburt bis zur Auferstehung. Der rustikal klingende Chor unterstreicht durch seine kantige Artikulation des responsorialen monodischen Gesangs die Nähe der Laude zur Volksmusik und zum Tanz. Begleitet werden die Sängerinnen und Sänger durch Instrumente aus der Zeit, darunter Harfe, Rebec, Viella und Perkussion. Der Gehalt des Booklets, das die Texte der Laude ohne Übersetzung bringt, ist im Verhältnis zur Bedeutung und geringen Bekanntheit dieser klingenden Zeugnisse aus dem 13. Jahrhundert zu dürftig. Und die Laufzeit der CD von nicht einmal 50 Minuten ist alles andere als opulent.
Nachtrag: Die Dialog-Lauda, nach 1400 bis zur Vierstimmigkeit in einfachem, akkordisch-homophonem Satz mit der Melodie im Sopran ausgestaltet und noch heute gesungen, führte zum geistlichen Spiel (sacra rappresentazione) und weiter zum italienischen Oratorium. (ws)
Il Laudario Cortonese No. 91. Coro da Camera Eresmin. Elena Polonska (Harfe, Perkussion), Isabelle Quellier (Viella, Rebec, Corno, Perkussion). Leitung: Nekane Lasarte. (Gallo 1117; 47’)