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Villancicos y Danzas Criollas

16.03.2004 — Jahrhundertelang war die Kultur der iberischen Halbinsel unterschiedlichsten Einflüssen offen, keltischen, römischen, westgotischen, hebräischen, muslimischen. Die Epoche der Maurenherrschaft in Spanien (711 bis 1492) ermöglichte eine ethnisch gemischte, vielsprachige und multikulturelle Gesellschaft. Die mannigfachen kulturellen Identitäten bildeten ein komplexes Mosaik, beeinflussten sich gegenseitig, ohne in einem einheitlichen Stil aufzugehen, obwohl es auch hier und dort, etwa in der mozarabischen Kunst, zu fruchtbaren Verbindungen kam.

In jenen fast acht Jahrhunderten konnten sich auf der Halbinsel jenseits der Pyrenäen nicht, wie im Mittelalter in den meisten Ländern Europas, höfische Eliten bilden, die sich auch kulturell vom einfachen Volk absetzten und zur Trennung der ritterlichen von den bäuerlichen Kulturpraktiken beitrugen, den Boden legten für die Separation von hoher und niederer, elitärer und volkstümlicher Kunst. Auf der iberischen Halbinsel unterblieb (damals, wohlverstanden) diese Trennung weitgehend; in der Musik führte dies zur Ausbildung eines unverwechselbaren Nationalstils.

Dieses (in Anbetracht der politischen und religiösen Intoleranz und Gewalttätigkeit des staatlichen Machtapparats erstaunliche) Verständnis auf dem Gebiet der Musik prägte zudem den Umgang spanischer Musiker mit dem Erbe, das sie in den eroberten Gebieten Amerikas vorfanden. Sie respektierten die Musikstile der Völker in der Neuen Welt, wohl nicht zuletzt mit der Absicht, die flächendeckende Ausbreitung des Christentums mit Gesängen im Kleid bekannter Melodien, begleitet von populären Instrumenten, voranzutreiben. Und umgekehrt machten sich begabte einheimische Musiker bald daran, die fremde Musiksprache der Spanier zu imitieren und zu assimilieren.

Das vorliegende Album geht den Spuren der Alten Welt in der Neuen Welt nach, der Vermischung der Stile, bringt ein kaum bekanntes Kapitel spanischer und lateinamerikanischer Musikgeschichte in sechzehn Sätzen zum Erklingen. Aus Anthologien hat der katalanische Gambist Jordi Savall die Werke ausgewählt und eingerichtet und sie mit den Sängerinnen und Sängern von La Capella Reial de Catalunya und dem Instrumentalensemble Hespèrion XXI aufgenommen.

Volkstümliche und gelehrte Elemente, Einflüsse aus der iberischen Halbinsel, aus Afrika, Asien und Amerika gehen in den geistlichen und weltlichen Liedern und den Tänzen Hand in Hand. In die altspanischen Texte schieben sich Refrains und Strophen in der Yorubasprache (lebendig geblieben bis auf den heutigen Tag in der afrokubanischen Musik), in der Indiosprache Ketschua, in Kreolisch, in Nahuatl, dem Idiom des Aztekenreichs. Fundierte Information und alle Liedtexte in sechs Sprachen hält das 100-seitige Booklet bereit.

Lebendiger, lustvoller, abwechslungsreicher, atmosphärisch dichter sind diese aus der Improvisation schöpfenden Morescas, Negrillas, Jotas, Guarachas, Rorros, Villancicos nicht zur Wirkung zu bringen, als es den beiden Ensembles unter Savalls Leitung gelingt: Sie richten ein Fest der Klänge, der Sinne, des Humors, der Lebensfreude aus – musikalisches Feuerwerk und emotionaler Jungbrunnen zugleich. (ws)

Villancicos Y Danzas Criollas. De la Iberia Antigua al Nuevo Mundo 1550–1750. La Capella Reial de Catalunya, Hespèrion XXI. Leitung: Jordi Savall. (Alia Vox AV 9834; 77’)

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