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Louis Couperins Œuvre für Orgel

29.03.2004 — Nicht nur Bücher, auch Partituren haben ihre Schicksale. 1957 erwarb der englische Sammler Guy Oldham ein französisches Manuskript aus dem 17. Jahrhundert. Darunter fanden sich – zwar in abweichenden Fassungen – die beiden einzigen damals bekannten Orgelkompositionen von Louis Couperin; weitere 68 ebenfalls vom gleichen Meister stammende Werke dieses Folianten waren unbekannt.

Die Musikwissenschafter und Organisten mussten ihre Neugier allerdings zähmen – Oldham hütete seinen Schatz wie weiland Fafner Ring und Tarnkappe. Erst vier Jahrzehnte nach der Entdeckung des Manuskripts willigte der Besitzer ein in die Veröffentlichung aller Stücke. 1995 gingen das Departement Aisne, Radio France und die Éditions de l’Oiseau-Lyre, Monaco, mit vereinten Kräften an die Publikation der 70 Werke; seit 2003 liegen sie gedruckt vor.

Der Name Couperin besitzt Klang und Renommee: Mitglieder dieser französischen Musikerfamilie hatten während 174 Jahren das Organistenamt an Saint-Gervais in Paris inne. Bekanntester Träger des Namens ist François Couperin, genannt «le Grand» – Louis Couperin war sein Onkel.

Er muss hochtalentiert gewesen sein, dieser Louis, geboren um 1626 in Chaumes-en-Brie südöstlich von Paris. 1650 nahm ihn Jacques Champion de Chambonnières, berühmter Cembalist, Geiger und Komponist, in der Hauptstadt unter seine Fittiche. Drei Jahre später trat Louis als erster seiner Dynastie das Amt des Organisten an St-Gervais an, das er bis zu seinem frühen Tod innehatte – er starb mit etwa 35 Jahren 1661.

Louis Couperin, der durch Johann Jacob Froberger mit der Musik Frescobaldis vertraut wurde, machte sich als Organist, Cembalist, Violenspieler im Kammermusikensemble von Ludwig XIV. und als Komponist einen Namen. Erhalten geblieben sind aus seiner Hand unter anderem 134 Cembalowerke, die zu den herausragenden Schöpfungen dieser Gattung gehören, und die 70 Stücke für Orgel, die Davitt Moroney integral eingespielt hat, 45 davon als Erstaufnahmen.

In den zwischen 1650 und 1659 entstandenen Orgelwerken (liturgische Sätze, Fantasien, Fugen, ein Prélude) sind der polyphone Stil der Postrenaissance und der Formen- und Ausdrucksreichtum der neuen Barockmusik eine durch Innenspannung getragene Verbindung von erstaunlicher Vielfalt und Kühnheit eingegangen. Exzellentes Handwerk, künstlerische Originalität, Intellekt, Eleganz und Expressivität (auch in den Kontrapunkten) prägen die Werke Louis Couperins, die zum herausragenden Erbe der französischen Orgelmusik gehören, ein Brückenpfeiler zwischen dem Schaffen von Jehan Titelouze und Guillaume-Gabriel Nivers.

Davitt Moroney (geboren 1950), dessen erste Aufnahme 1983 Louis Couperins Œuvre für Cembalo war, hat die 70 Sätze – mit wenigen Ausnahmen in der Reihenfolge des Manuskripts – inspiriert und mit eminenter Klangphantasie eingespielt in der Abteikirche Saint-Michel-en-Thiérache, auf der ältesten französischen Barockorgel, die im praktisch originalen Zustand von 1714 erhalten geblieben ist. Deren hohe Qualitäten, zu denen die kernigen Lingualregister gehören, entfalten sich eindrücklich in 57 verschiedenen (im Booklet dokumentierten) Registrierungen.

Um die Geräusche der elektrischen Windversorgung zu vermeiden und die kurzhallige Akustik der Kirche nicht zu beeinträchtigen, spannte Moroney während der einwöchigen Aufnahmezeit Kalkanten (Balgtreter) ein. Und er machte in einigen Trios auch Gebrauch von der Dritten Hand, wie sie André Raison in seinem Livre d’Orgue von 1688 empfahl: Ein zweiter Spieler übernimmt eine der drei Stimmen, in der Regel den Bass.

Drei Glücksfälle in einer Gesamteinspielung: ein gewichtiger Orgelmusikkorpus, ein grossartiges Instrument, eine packende Interpretation. (ws)

Louis Couperin: L’œuvre d’orgue. Davitt Moroney an der Jean-Boizard-Orgel der Abteikirche Saint-Michel-en-Thiérache. (Collections Tempéraments TEM 316101/3; 3 CDs; 2h26’. Booklet franz./engl.)

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