07.05.2004 — Seine angestrebte grosse Pianistenkarriere brach bereits 1927 ein. Der damals 21-jährige Dmitri Schostakowitsch durfte als Mitglied der offiziellen sowjetischen Gruppe am Ersten Internationalen Chopin-Klavierwettbewerb in Warschau teilnehmen. Der 19-jährige Lew Oborin, späterer Partner von David Oistrach, gewann den 1. Preis. Schostakowitsch erhielt lediglich eine lobende Erwähnung. Die Hoffnung auf eine einträgliche internationale Karriere als Klaviervirtuose schwand, was umso bedrückender war, weil der Tod von Dmitris Vater 1922 die Familie in finanzielle Not gestürzt hatte.
Schostakowitsch, auf Verdienst angewiesen, setzte nun auf die Karte Komponist. 1926 hatte er seine erfolgreiche 1. Sinfonie und seine 1. Klaviersonate fertiggestellt, 1927 folgten die zehn Aphorismen op. 13 für Klavier. Zwar trat er immer wieder als eloquenter Pianist, als Interpret eigener Werke in Erscheinung, doch das Hauptgewicht seines Schaffens lag nach 1927 auf dem Komponieren. Dass er sich damit in ein Gebiet begab, welches ihn in der stalinistischen Ära zu herben Konzessionen zwang, musste er bald genug leidvoll erfahren.
Mit seiner Enttäuschung und den verbauten Möglichkeiten nach dem Chopin-Wettbewerb mag zusammenhängen, dass Schostakowitsch nur ein zahlenmässig kleines Œuvre für Klavier solo beziehungsweise zwei Klaviere geschaffen hat.
Einen erhellenden Einblick in Schostakowitschs Klavierschaffen von den Miniaturen der Jugendzeit (fünf Präludien aus op. 2, 1921; drei phantastische Tänze op. 5, 1922) bis zur 2. (letzten) Klaviersonate op. 61 (komponiert 1942, zwischen den Sinfonien 7 und 8) gewährt Vladimir Ashkenazys jüngstes Album. Es enthält ausserdem die zehn Aphorismen op. 13 und fünf Adaptionen, die Schostakowitsch von Ballettnummern fertigte.
In den diversen Stilen von Schostakowitschs Klaviermusik erweist sich Ashkenazy (er hat bereits die 24 Präludien und Fugen op. 87 eingespielt) als kenntnisreicher, ebenso subtil wie nervig gestaltender Interpret. Nicht die pianistische Brillanz stellt er in den Vordergrund, vielmehr lotet er die Doppelbödigkeit vieler Sätze aus mit differenziertem, zuweilen sperrig wirkendem Anschlag und subtiler Pedalbehandlung. Einer polierten Oberfläche beugt er vor durch aufgeraute Faktur, durch starkes Relief auch in den Begleitstimmen. Strenge Linienführung verbindet sich mit agogischer Flexibilität, anmutige Melodik mit ironischer Brechung. (ws)
Shostakovich: Piano Works. Vladimir Ashkenazy, Klavier. (Decca SACD 470 649-2; 62’)