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Sergei Liapunovs 2. Sinfonie

17.05.2004 — Er gehört trotz seines ansehnlichen Werkkatalogs zur grossen Schar der in der Versenkung verschwundenen Komponisten, der Russe Sergei Michailowitsch Liapunov, geboren 1859 in Jaroslav, gestorben 1924 im Exil in Paris. Schnell zur Hand ist das Etikett Epigone, hier Balakirev-Epigone (wer kann sich schon etwas Konkretes darunter vorstellen?). Vorurteile sind zählebig, haben aber den Vorteil, sich kein eigenes Urteil bilden zu müssen.

Sergei Liapunov, in Moskau ausgebildet bei Tschaikowski und Tanejew, in Sankt Petersburg bei Balakirev, machte sich einen Namen als Forscher und Publizist russischer ländlicher Volkslieder, als Herausgeber der Werke von Glinka und der Korrespondenz Balakirevs mit Tschaikowski und Rimski-Korsakow.

1910 übernahm Liapunov eine Professur am Konservatorium Sankt Petersburg. Als Pianist konzertierte er regelmässig in Deutschland, Österreich und Frankreich. 1923 setzte er sich nach Paris ab und gründete eine Musikschule für emigrierte Russen. 1924 erlag er 65-jährig einer Herzattacke.

In seiner 2. Sinfonie b-Moll op. 66, die Liapunov im Revolutionsjahr 1917 schrieb, erweist er sich als in der Tradition der grossen russischen Sinfonik des 19. Jahrhunderts verwurzelter, aus dem Volksliedgut schöpfender Komponist, als eloquenter, wirkungssicher instrumentierender Melodiker. Die Prise Akademismus und die Kolorierung mit Pathos wirken auf spätromantische Gemüter durchaus reizvoll.

Ein einziges Thema – es wird in der siebenminütigen Einleitung exponiert – prägt das viersätzige Werk exzessiv in verschiedensten Umformungen und rhythmischen Abwandlungen, in Verkürzungen, Aufsplitterungen, Dehnungen, in immer wieder neuen Klangfarben, mal bombastisch im Tutti des vollen Orchesters, mal elegisch in Soli von Geige, Flöte oder Horn.

Liapunovs formal klar strukturierte 2. Sinfonie – sie mutet an wie eine beschwörte Erinnerung, wie ein (untragischer) Abschied von einer alten Welt vor ihrem Zusammenbruch – kam unter Evgeny Swetlanov erst 1951 in Leningrad zur Uraufführung. Mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France, dessen Gastdirigent er war, realisierte Swetlanov 1998, vier Jahre vor seinem Tod, die beeindruckende Erstaufführung in Frankreich. Im Rahmen der CD-Reihe Collection Radio France ist diese klangüppige und temperamentvolle Live-Aufnahme nun publiziert worden. (ws)

Liapounov: Symphonie Nº 2 op. 66. Orchestre Philharmonique de Radio France. Leitung: Evgeny Swetlanov. (Naïve V 4974; 62’)

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