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«Selva morale e spirituale»

12.06.2004 — Schon rein editorisch war es ein monumentales Unterfangen, das der venezianische Verleger Bartolomeo Magni in Angriff nahm: die Sammlung «Selva morale e spirituale» des «Claudio Monteverde, Maestro Di Capella della Serenissima Republica Di Venetia».

Im Zeitalter des ohne tiefgehende Kenntnisse und mit simplen Korrekturmöglichkeiten zu praktizierenden softwarebasierten Notensatzes darf man daran erinnern, mit welchem Aufwand, mit welcher Fertigkeit, mit welcher ästhetischen Erfahrung bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts die Edition einer Partitur (gestochene Kupferplatten für das Tiefdruckverfahren) verbunden war. Noch bis ins 18. Jahrhundert wurden Notenlinien und Noten im Typendruckverfahren in verschiedenen Durchgängen gedruckt.

Auch der Umfang von Monteverdis Sammlung moralischer und geistlicher Kompositionen war kolossal: 37 Kompositionen unterschiedlichster Besetzung wurden in 10 Stimmbüchern untergebracht. Hinweis auf den zeitlichen Aufwand geben die Daten: Während Monteverdis Vorrede das Datum des 1. Mai 1641 trägt, wird das Erscheinungsjahr auf den Titelseiten der einzelnen Hefte teils mit 1640, teils mit 1641 angegeben.

Claudio Monteverdi (1567–1643) fasste in «Selva morale e spirituale» Werke aus drei Jahrzehnten zusammen als ein Kompendium seines Wirkens in Venedig und für San Marco. Entsprechend vielseitig sind die Stile, Ausdrucksbereiche und Formmodelle der Kompositionen in dieser «raccolta» vom streng gefügten Kontrapunkt nach franko-flämischem Vorbild bis zum modernen Concertato-Stil für mehrere Stimmen und Instrumente, am Schnittpunkt von «maniera antica» und frühbarocker Expressivität, wobei die emotionale Kraft von gleicher Intensität ist in den weltlichen (italienischen) Madrigalen wie in den geistlichen (lateinischen) Werken.

Françoise Lasserre hat mit ihrem 1986 gegründeten Chor Acadêmia, mit dem sie sich vorwiegend italienischer Musik des 16./17. Jahrhunderts und deutschen Komponisten des 17. Jahrhunderts widmet, unterstützt durch einige Instrumentalisten, eine sinnvolle Auswahl aus dem «Moralischen und geistlichen Wald» eingespielt, überlegt zusammengestellt und gegliedert in die liturgische Form dreier Vesper-Zyklen (ein einleuchtendes Verfahren, wie es schon Konrad Junghänel in seiner Gesamteinspielung mit dem Cantus Cölln 2001 umgesetzt hat).

Entfallen mussten dadurch ausser den fünf Madrigalen auch der «Pianto della Madonna», der umgearbeitete berühmte «Lamento d’Arianna». Eingefügt wurden ein «Laudate pueri» von Giovanni Rovetta, ab 1627 Vizekapellmeister an San Marco und Monteverdis Nachfolger, und eine Sonata a 12 für Blechbläser und Streicher von Massimiliano Neri, Erster Organist an San Marco.

Durch die freie Verteilung der Werke auf drei Vesper-Musiken wird vermieden, verschiedene Vertonungen des gleichen Textes aufeinander folgen zu lassen, etwa je drei «Laudate Dominum», «Confitebor», «Salve Regina» und «Magnificat» (darunter eines von 1610) oder die beiden «Laudate pueri» und die zwei «Dixit Dominus» (das eine ein nachgelassenes von 1650).

In ihren bis ins Detail belebten Interpretationen bringen die Solistinnen und Solisten, der Kammerchor und die Instrumentalisten in wechselnden Besetzungen von der Solomotette bis zur doppelchörigen Psalmvertonung den immensen Reichtum und die Farbenpracht, die Kontraste, die Klangmalerei und die Kühnheiten von Monteverdis Tonsprache zu überwältigender Wirkung. (ws)

Monteverdi: Selva Morale & Spirituale . Acadêmia. Leitung: Françoise Lasserre. (Zig-Zag Territoires ZZT 031101-1/-2/-3; drei CDs; 3h45’. Booklet frz./engl./dt.; lateinische Texte nur in französischer und englischer Übersetzung)

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