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Vicente Martín y Soler, 1754–1806

16.07.2004 — Martini «lo Spagnuolo» oder «il Valenziano», wie er seiner Herkunft wegen auch genannt wird, verdankt die weltweite Präsenz seines Namens einem grösseren Komponisten: Mozart zitiert in der Tafelmusik des «Don Giovanni» eine Arie aus Vicente Martín y Solers «Una cosa rara» (1786). Der Protagonist, musischen Genüssen des Lebens abhold, erkennt die Quelle alsogleich, Zeichen für die Popularität der Opera buffa des 1754 im spanischen Valencia geborenen Komponisten.

In Madrid gab Atanasio Martín Ignacio Vicente Tedeo Francisco Pelegrin Martín y Soler sein Debüt mit der Zarzuela «La madrileña», ab 1776 ist er als Vincenzo Martino in Italien anzutreffen, wo er in Bologna vermutlich bei Padre Martini studierte, der grössten musikalischen Autorität seiner Zeit. 1785 zog er nach Wien. Dort begann die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Lorenzo da Ponte; ihr sollten fünf Opern entspringen.

Drei Jahre später folgte Martín y Soler dem Ruf der Zarin Katharina II. ins Amt des Maestro di cappella. Seit 1790 war er zudem Musiklehrer an einem Institut für adlige Knaben und neben Domenico Cimarosa Komponist für die kaiserlichen Theater von St. Petersburg, wo er ausser italienischen Textbüchern auch zwei russische Libretti von Katharina II. vertonte. Nach einem Aufenthalt in London (1794–1796) wurde er von Zar Paul I. zum Kaiserlichen Russischen Hofrat ernannt und zum Inspektor der italienischen Hoftheatertruppe befördert. 1806 ist Martín y Soler in St. Petersburg 52-jährig gestorben.

Zurück ins Jahr 1795. Lorenzo da Ponte, nach dem Tod Kaiser Josephs II. ohne potenten Gönner, hatte Wien verlassen und kam 1792 nach London (1805 reist er nach Amerika weiter, 1838 starb er in New York). In der britischen Metropole bestellte William Taylor, Direktor des Italian Theatre in the Haymarket, bei da Ponte zwei Libretti, darunter das Dramma giocoso «La capricciosa corretta o sia La scola de’ maritati». Die Vertonung übernahm Martín y Soler; innerhalb von drei Wochen lag seine Partitur vor. Der Uraufführung von Ende Januar 1795 folgten elf weitere Vorstellungen. Auch auf dem Kontinent begeisterte «La capricciosa corretta», übersetzt etwa «Die gebesserte Eigensinnige»: Aufführungsserien sind in verschiedenen Ländern nachgewiesen bis 1824.

Vertrackt ist die Quellenlage des Werks. Der französische Cembalist und Dirigent Christophe Rousset, Gründer (1991) und Leiter des Vokal- und Instrumentalensembles Les Talens Lyriques (Montpellier), hat es unternommen, die verstreut in Wien, Darmstadt, Genua, Neapel und Paris erhaltenen Partiturteile, Varianten und Alternativen zu sichten; in seiner kritischen Edition der zweiaktigen Oper stützt er sich primär auf das in der Accademia Chigiana in Siena aufbewahrte Manuskript vom Mai 1796. Die Aufführung, deren Einspielung nun vorliegt, wurde realisiert als Koproduktion der Opern von Lausanne und Bordeaux sowie des Teatro de la Zarzuela in Madrid.

In einer goldonischen Welt und in Neapel entwickelt sich die Handlung zwischen Morgen und Abend. In Bonarios Haus hat seine extravagante Gattin Donna Ciprigna die Hosen an, was nicht länger so bleiben darf; mit Hilfe des schlauen Dieners Fiuta wird die widerspenstige Aufständische gezähmt, der Hausherr in seine Rechte eingesetzt, die Männerwelt in Ordnung gebracht.

Martín y Soler hat da Pontes witziges Libretto, in dem die Personen (drei Soprane, zwei Tenöre, drei Baritone) die sozialen Klassen Aristokratie, Bourgeoisie und Domestiken vertreten, in eine spritzige, in hellen Orchesterfarben und starken Kontrasten funkelnde Musik gekleidet, mit schwungvollen Rezitativen (hier gestützt durch den Hammerflügel), launigen Arien und inspirierten, Mozart nahen Ensembles. Psychologische Vertiefung der Typen mit musikalischen Mitteln ist Martín y Solers Sache dagegen nicht.

Christophe Roussets einfühlsamer Leitung, welche die Schönheiten im Einzelnen dem beschwingten Ganzen eingliedert, den rollentypischen Sängerinnen und Sängern, deren Stimmcharaktere ideal harmonieren, und den Instrumentalisten von Les Talens Lyriques ist eine rundum geglückte Ehrenrettung des Vicente Martín y Soler und seiner exquisiten «Capricciosa corretta» zu danken. (ws)

Martín Y Soler: «La Capricciosa Corretta». Marguerite Krull, Raffaella Milanesi, Katia Velletaz (Sopran), Emiliano Gonzalez-Toro, Yves Saelens (Tenor), Enrique Baquerizo, Carlos Marin, Josep Miquel Ramon (Bariton). Les Talens Lyriques. Leitung: Christophe Rousset. (Naïve E 8887; 2 CDs; 2h15’. – Booklet franz./engl.; Libretto ital./franz./engl.)

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