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Ensaladas aus Katalonien

08.11.2004 — Unter das Stichwort Humor in der Musik fallen die Formen des Quodlibets (Lateinisch: was gefällt). Prominentes und kunstvolles Beispiel: Bach hat am Schluss der Goldberg-Variationen die Melodien der Volkslieder «Ich bin so lang nicht bei dir gwest» und «Kraut und Rüben» polyphon verzahnt.

Vom 16. bis zum 18. Jahrhundert war das Quodlibet als Vokalkomposition oder -improvisation weit verbreitet in ganz Europa und höchst beliebt durch das witzige Verknüpfen mehrerer populärer Liedweisen; der Effekt konnte noch gesteigert werden durch humoristisch bukolische Zusammenstellung von Texten, gar aus verschiedenen Sprachen. Eine so originelle Gattung verdient ausgefallene charakterisierende Bezeichnungen: Das Quodlibet, anspruchsvoller Vorläufer des Potpourri, wurde in Italien etwa «misticanza» (Mischmasch), «farrago» (gemischtes Futter) oder «cento» (Flickenmantel) genannt, im Deutschen auch «Bettlermantel», im Französischen «fricassée» (Sammelsurium), im Spanischen «ensalada» (Salat, Mischmasch).

Einer, der höchstes Renommee als Meister von Ensaladas errang, war der Katalane Mateo Flecha (Mateu Fletxa el Vell, der Ältere), der von 1481 bis 1553 lebte, als Kapellmeister an der Kathedrale von Lérida und dann als Lehrer der Töchter Kaiser Karls V. wirkte. Hundert Jahre nach Flechas Geburt gab dessen Neffe Mateo der Jüngere die Ensaladas seines Onkels, zusammen mit eigenen Arbeiten, in Prag heraus. Einige der in dieser Anthologie bewahrten Kompositionen haben im Kern in Spanien bis heute als populäre Volkslieder überlebt.

Dem älteren Flecha, der sich von portugiesischen Quodlibets inspirieren liess, gelang es, der Ensalada eine ebenso einheitliche wie kontrastreiche Form zu geben, indem er Chanson (profanes Lied mit volkssprachlichem Text), Romance (balladeske Helden- oder Liebesdichtung) und Villancico (Weihnachtslied) in pädagogischer Absicht mit einer durchgehenden Erzählung verband.

Für ihre CD mit Ensaladas und Madrigalen katalanischer Komponisten aus dem 16. Jahrhundert hat das 1990 gegründete Vokalquartett La Colombina (Maria Cristina Kiehr, Sopran, Claudio Cavina, Alt, Josep Benet, Tenor und Leitung, Josep Cabré, Bariton) zwei hinreissende – und hinreissend interpretierte – Quodlibets von Mateu Fletxa ausgesucht, «La Negrina» über die Menschwerdung Jesu und die Mühe des schwarzen Sklaven Joan Branca mit der portugiesischen Sprache, sowie «La Justa», ein hin und her wogender Turnierkampf zwischen Adam und Lucifer, den der Urvater nur dank dem Beistand von Ritter Jesus gewinnt.

In Fletxas Nachfolge stand Pere Alberch (1517–1582), der während über vier Jahrzehnten an der Kathedrale von Barcelona als einer der berühmtesten Organisten seiner Zeit wirkte; von ihm stammt die Ensalada «El bon jorn». Gemäss der Tradition ist sie verbunden mit Weihnachten, der Text ist viersprachig (Katalanisch, Südfranzösisch, Kastilisch, Lateinisch).

Gegensätze zur derb-heiteren klangmalerischen Welt der Ensaladas bilden die intimen, mystisch sakralen (und in reicher Differenzierung von Vokalfarbe und Ausdruck interpretierten) Madrigale von Pere Alberch und von Joan Brudieu (1520–1591), der an der Kathedrale von Seu d’Urgell und an der Basilika Santa Maria del Mar in Barcelona wirkte. (ws)

La Justa. Madrigals and Ensaladas from the 16th century Catalonia. Werke von Joan Brudieu, Mateu Fletxa und Pere Alberch. La Colombina. (Accent ACC 10103; 68’. Booklet in Spanisch, Deutsch, Englisch, Französisch)

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