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Kostbare Furtwängler-Dokumente

16.11.2004 — Ein halbes Jahrhundert nach seinem Hinschied – er starb am 30. November 1954 im Alter von 68 Jahren – ist der deutsche Dirigent Wilhelm Furtwängler, der sich primär als Komponist verstand, eine legendäre Figur und selbst jenen im Bewusstsein geblieben, denen nur ein kleiner Bereich seines interpretatorischen Schaffens präsent ist. Diverse CD-Alben bringen eine Vielzahl repräsentativer Mitschnitte wieder zu Gehör, die entweder längst vergriffen sind oder in Einzelfällen noch nie veröffentlicht wurden.

Das Label Orfeo hat in seiner 1992 begonnenen Serie «Festspieldokumente» mit Aufnahmen aus Salzburg Live-Einspielungen der Orchesterkonzerte der Wiener Philharmoniker unter Furtwänglers Leitung zwischen 1949 und 1954 in einer acht CDs umfassenden Kassette ediert. Sie enthält alle Konzertaufnahmen, die im Lauf der Jahre bei Orfeo erschienen sind, sowie einige Raritäten, die erstmals auf CD publiziert werden.

Erstaunlich und seltsam: Furtwänglers Ruhm als singulärer Dirigent war längst unangefochten, doch die Originalbänder seiner Salzburger Festspielkonzerte haben sich – mit einer Ausnahme – im Sender Rotweissrot, dem bis 1954 für die Übertragung der Festspiele zuständigen Rundfunk, nicht erhalten. Das letzte Festspielkonzert von 1954 existiert in einer Kopie im Archiv des Landesstudios Salzburg; einige frühe Mitschnitte haben sich in deutschen Radioarchiven erhalten, doch die meisten in diesem Album veröffentlichten Tondokumente sind privaten Sammlern zu verdanken. Kein Wunder, dass man das den (Mono-)Aufnahmen anhört. Allerdings wurden sie für diese Edition sorgfältig und zurückhaltend digital überarbeitet, ohne den Reiz der akustischen (mit manchen Hustern versetzten) Patina zu plafonieren oder den typischen Furtwängler-Klang auszunüchtern.

Um auch einen Eindruck von Furtwänglers Programmierung zu vermitteln, wurden – wo möglich – die Konzertabende als ganze rekonstruiert: so Konzerte von 1950 (mit Bachs Brandenburgischen Konzerten 3 und 5 und Beethovens Eroica), zwei von 1951 (Mendelssohns Hebriden-Ouvertüre, Mahlers «Lieder eines fahrenden Gesellen» und Bruckners Fünfte im einen sowie Beethovens Neunte im andern), von 1953 (Strauss’ «Don Juan», in einer später entstandenen Studioproduktion, Hindemiths «Harmonie der Welt» und Schuberts grosse C-Dur-Sinfonie) und von 1954 (Beethoven-Programm mit den Sinfonien 7 und 8 und der Grossen Fuge op. 133), übrigens das letzte Konzert der Wiener Philharmoniker unter Furtwängler, genau drei Monate vor dessen Tod.

Ausschnitte aus Konzertabenden sind Pfitzners C-Dur-Sinfonie (aus dem Konzert von 1949) und (aus dem Konzert von 1950) Strawinskys Sinfonie in drei Sätzen und Brahms’ Vierte – von dem im gleichen Programm enthaltenen «Till Eulenspiegel» von Strauss hat sich die Aufnahme nicht erhalten.

Die Salzburger Interpretationen aus Furtwänglers letzten Lebensjahren widerspiegeln die Schwerpunkte seines Repertoires, mit Strawinsky auch seinen (dezenten, aber ganzherzigen) Einsatz für seinem Naturell weniger Entsprechendes. Auch der über einen eigentümlich kantablen, introvertiert anmutenden Anschlag gebietende Pianist Furtwängler kommt zum Zug in Bachs 5. Brandenburgischen (mit Josef Niedermayr, Flöte, und Willi Boskovsky, Violine); in Mahlers Gesellen-Liedern debütiert der 26-jährige Dietrich Fischer-Dieskau. Die Vokalsolisten in Beethovens Neunter sind Irmgard Seefried, Sieglinde Wagner, Anton Dermota und Josef Greindl.

Zu erleben gibt es eine Kunst der kompromisslos persönlichkeitsgeprägten Interpretation, die gespeist ist durch Furtwänglers kompositorische Erfahrung. Musik als Spiel von Energie, Musik, die sich, nicht ohne Ecken, Kanten und Brüche, organisch entfaltet, die Zeit hat zum Atmen, deren Innenspannung nicht abhängt von stur durchgezogenem Metrum oder aufgesetzt knalligen Effekten, Musik, in der die sogenannten Nebenstimmen und die Übergänge sich entfalten, eine Sinnlichkeit des Klangs und der Klangflächen, deren Stufungen und Brechungen die Dramaturgie eines Satzes wesentlich konstituieren. Ein kreativer Umgang mit dem Tempo ohne Beengtheit und Hektik. Und – dies vor allem – eine innere Freiheit voll Unmittelbarkeit und Frische, Subjektivität und Expressivität, eine Aura mit bezwingender Wirkung, trotz zuweilen technisch arg lädiertem Klangbild.

An Anniversary Tribute

Das andere Furtwängler-Orchester, die Berliner Philharmoniker, bestreitet den Hauptteil der Konzertmitschnitte und Studioaufnahmen, welche die Deutsche Grammophon im sechs CDs enthaltenden Album «Wilhelm Furtwängler – An Anniversary Tribute» versammelt hat. Einige der Einspielungen stammen aus den Kriegsjahren (Mozarts Sinfonie KV 543 von 1942/43 und Bruckners Neunte von 1944), vier entstanden zwischen 1947 und 1948 (Beethovens Ouvertüren «Egmont», «Leonore» II sowie Strauss’ «Metamorphosen» und Bachs 3. Suite), die letzten aus den Jahren von 1951 bis 1954 (Glucks «Alceste»- und Schuberts «Rosamunde»-Ouvertüre, Schumanns Frühlingssinfonie, Brahms’ Erste und Dritte, Beethovens Achte und die Grosse Fuge, Webers «Euryanthe»-Ouvertüre).

Aufschlussreiche Dokumente sind die auf einer CD zusammengefassten Ausschnitte aus Interviews und Gesprächen Furtwänglers von 1950, 1951 und 1954. Er referiert beispielsweise über das Sinfonische, das Tempo, die Akustik von Sälen, Instrumentationstechnisches, Stilfragen, Bruckner und Musik in der Oper.

Live Recordings 1944–1953

Ebenfalls ein halbes Dutzend CDs findet sich in einem weiteren Album der Serie Original Masters der Deutschen Grammophon, «Wilhelm Furtwängler – Live Recordings 1944–1953». Den überwiegenden Teil bestreiten auch hier die Berliner Philharmoniker in Aufnahmen zwischen 1947 und 1951 (Strauss’ «Don Juan», Hindemiths «Symphonische Metamorphosen», Auszüge aus Wagner-Opern, Schumanns «Manfred»-Ouvertüre, Brahms’ Haydn-Variationen, Beethovens Achte, Schuberts «Unvollendete» und als Erstveröffentlichung auf CD Tschaikowskis «Pathétique», aufgenommen 1951 in Kairo während der Ägypten-Tournee).

Die Wiener Philharmoniker leitet Furtwängler in Beethovens Ouvertüre «Leonore» III und Bruckners Achter (Aufnahmen von 1944), Brahms 2. Sinfonie und Francks d-Moll-Sinfonie (1945) sowie Ravels «Rhapsodie espagnole» (1951).

Das erstaunlich präsente Klangbild dieser Original-Masters-Alben ist der Direktüberspielung der nach damals neustem technischem Stand aufgenommenen Originalbänder auf CD zu verdanken. (ws)

Wilhelm Furtwängler – Die Salzburger Orchesterkonzerte 1949–1954. Wiener Philharmoniker. (Orfeo C 409 048 L; 8 CDs, mono)

Wilhelm Furtwängler – An Anniversary Tribute. Berliner Philharmoniker, Wiener Philharmoniker. (DG 477 006-2; 6 CDs, mono)

Wilhelm Furtwängler – Live Recordings 1944–1953. Berliner Philharmoniker, Wiener Philharmoniker. (DG 474 030-2; 6 CDs, mono)

Zu Wilhelm Furtwängler siehe auch unsere Rezension der in diesem Jahr erschienenen Biografie von Herbert Haffner.

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