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Kurt Weills erste Opern

10.01.2005 — Mit sensiblem Gespür hat Kurt Weill auf die kulturellen Äusserungen seiner Zeit reagiert, ebenso auf die sozialen und die politischen Zustände und Entwicklungen. Dieses hellwache Interesse an allen Strömungen ist in sein Werk eingeflossen, hat es geprägt in der Zusammenarbeit mit Bert Brecht («Dreigroschenoper», 1928, «Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny», 1930) und – zuvor und weniger bekannt – mit Georg Kaiser und Ivan Goll.

Kurt Weill, 1900 in Dessau geboren, studierte in Berlin bei Engelbert Humperdinck und Ferruccio Busoni, war verheiratet mit der Wiener Schauspielerin und Sängerin Lotte Lenya, emigrierte 1933 nach Paris, von dort 1935 in die USA, wo er, kurz nach seinem 50. Geburtstag, in New York starb. Er war in der Weimarer Republik kometenhaft aufgestiegen zu einem neben Hindemith und Krenek führenden Vertreter der anti-spätromantischen Komponistengeneration. Zwei Ersteinspielungen erinnern nun an die fulminanten Anfänge des Opernkomponisten Weill.

Georg Kaiser (1878–1945), der meistaufgeführte Dramatiker des Expressionismus, schrieb auf der Basis seines Schauspiels «Der Protagonist» von 1920 dem ambitiösen Jungmusiker das gleichnamige Libretto. Kurz nach Weills 26. Geburtstag wurde der Einakter in Leipzig mit durchschlagendem Erfolg uraufgeführt.

Im Künstlerdrama «Der Protagonist» gibt sich die Titelfigur, Leiter einer englischen Wanderschauspieler-Truppe zur Zeit Shakespeares, vorbehaltlos der Bühnenkunst hin; der für ihn unüberbrückbaren Distanz zwischen Leben und Kunst fällt seine Schwester, die er im Wahn und aus Eifersucht erdolcht, zum Opfer.

Der elsässische, auch in Deutsch und Englisch schreibende expressionistische Dichter Ivan Goll (1891–1950), Vorläufer des absurden Theaters, verfasste das Libretto zur ebenfalls einaktigen Oper «Royal Palace», die 1927 in Berlin unter Erich Kleiber zur Uraufführung kam. Dem Werk, dessen literarische und musikalische Originalität einem konservativen Publikum Rätsel aufgibt, warf die reaktionäre Kritik «undeutschen Geist» vor.

Eine Figur aus der Mythologie wird in die Zwanzigerjahre auf die Terrasse des an einem italienischen See gelegenen Luxushotels «Royal Palace» geholt. Die von Männern umschwärmte Dejanira (Deianeira), Herakles’ zweite Gattin, die ihren Mann unwillentlich zu Tode kommen liess (um den ihr Untreuen zurückzugewinnen, sendet sie ihm in der Sage das Nessoshemd), folgt ihm aus Verzweiflung und Reue ins Jenseits.

Weill gestaltet in «Der Protagonist» die Pantomime in zwei Szenen zu einem wichtigen verfremdenden und gleichzeitig ironischen Ausdrucksmittel; der Hörer muss sich da an die detaillierte Schilderung im Booklet und an die eigene Vorstellungskraft halten. «Royal Palace» ist ein revueartiges avantgardistisches Multimedia-Spektakel mit kinetischer Bühnenszenerie und Filmprojektion. Beiden avantgardistischen Werken eignet eine prononciert satirische antibürgerliche Botschaft, beiden auch die kompositorische Meisterschaft, prallvoll mit rhythmischer und motorischer Energie. Die brillant instrumentierte Musik von «Royal Palace» ist zudem harmonisch und stilistisch aufgefächert, bedient sich beim Tango und bei Elementen des (natürlich europäisch domestizierten) Jazz.

In den Jahren der Naziherrschaft ging die Partitur von «Royal Palace», von der keine Kopie angefertigt worden war, verloren. Erhalten hat sich ein von Weill als überladen und schwer spielbar bezeichneter Klavierauszug, der aber viele Details, auch zur Instrumentation, enthält. 1971 rekonstruierten Gunther Schuller und Noam Sheriff auf der Basis dieses Klavierauszugs die Partitur.

Als bedeutendes Ereignis in der Pflege des vernachlässigten Teils von Kurt Weills erster Schaffensphase darf gewertet werden, dass die beiden Opern nun erstmals auf Tonträger erhältlich sind in editorisch sorgfältigen und musikalisch überzeugenden Ausgaben.

Das Album mit «Royal Palace» wird bereichert durch die Kantate «Der neue Orpheus» für Sopran, Solovioline und Orchester auf die Dichtung von Ivan Goll. Der Sänger aus Thrakien kommt in das moderne Berlin, um Eurydike, die Menschheit, zu erlösen. Weill sah die 1925 komponierte Kantate, die auch konzertante Elemente aufweist, als neue Gattung «zwischen Arie und Chanson». (ws)

Kurt Weill: «Der Protagonist». Oper in 1 Akt. Robert Wörle, Tenor, Amanda Halgrimson, Sopran, Alexander Marco-Burmester, Bariton, Corby Welch, Tenor, Matteo de Monti, Bass, u. a. Deutsches Symphonie-Orchester Berlin. Leitung: John Mauceri. Libretto im Booklet dt./engl. (Capriccio 60 086; 66’)

Kurt Weill: «Royal Palace». Oper in 1 Akt. Janice Watson, Sopran, Stephen Richardson, Bass, Ashley Holland, Bariton, Richard Coxon, Tenor, u. a. «Der neue Orpheus». Kantate. Kathryn Harries, Sopran, Michael Davis, Violine. BBC Symphony Orchestra. BBC Singers. Leitung: Sir Andrew Davis. Libretto im Booklet dt./engl./frz. (Capriccio 60 106; 54’)

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