16.03.2005 — Es gab einmal eine Zeit, da hatten Gitarristen unter Musikern einen ähnlichen Ruf wie Softwareingenieure in grösseren Unternehmen: Sie galten als bärtige Sonderlinge mit leicht autistischen Zügen, einem Hang zur Humorlosigkeit und bloss einem Thema, über das man sich mit ihnen unterhalten konnte. Das hat sich gründlich geändert. Die Gitarristen klassischer Provenienz haben sich aus ihrer Isolation befreit und sich einem der ganz grossen Probleme gestellt, denen sich das Instrument gegenübersieht: dem löchrigen Repertoire. Aus Renaissance und Barock gibt es eine Fülle an erstklassiger Musik für Zupfinstrumente. Es lässt sich da mit verkraftbaren Einschränkungen Erstklassiges für Vihuela, Laute oder Theorbe adaptieren, angefangen bei den Werken von John Dowland, über diejenigen von Leopold Weiss bis zu den Highlights von Johann Sebastian Bach. Dann aber wird es für rund 150 Jahre zappenduster: Trotz allen Bemühungen, Kleinmeistern wie Anton Diabelli, Mauro Giuliani, Fernando Sor, Luigi Legnani oder Napoleon Coste auf die Beine zu helfen, bleiben Klassik und Romantik dunkle Kapitel in der Gitarrenliteratur – erst recht, wenn man als Klampfenspieler zur Kenntnis nehmen muss, was andere zur Polyphonie fähige Instrumente in diesen Epochen für Sachen auf den Resonanzkörper geschneidert bekommen haben.
Die Post geht für die Gitarristen erst wieder ab, wenn im Zuge von Ex- und Impressionismus das Nationale in der Musik für die Kunstmusik entdeckt wird. Da schwingen sich Komponisten wie Heitor Villa-Lobos in einsame Höhen und zahlreiche ernstzunehmende Tonschöpfer schreiben eigens für das Instrument: de Falla, Rodrigo, Moreno-Torroba, aber auch Britten, Krenek oder Takemitsu und viele viele mehr steuern vieles bei, das gut und einiges, das sogar sehr gut ist. Die meisten neuen Werke sind dem unermüdlichen Lobbying von Solisten wie Andres Segovia und Julian Bream verdanken, darunter auch die singuläre «Royal Winter Music» von Hans Werner Henze.
Ein Lanze für das Instrument – in den Spielarten Klassik, Jazz, Blues und Worldmusic – bricht der in Osnabrück beheimatete Verlag Acoustic Music Records, und dies auf hochprofessionelle und einfallsreiche Weise. Das Kleinlabel führt nicht nur vielversprechende Jungtalente aus aller Welt im Katalog, sondern gestandene Koryphäen wie Pierre Bensusan, Paulo Bellinati, Attila Zoller, Larry Coryell, Herb Ellis oder Ralph Towner und vertreibt daneben eine Fülle an Notenmaterial und Büchern. Im Editorial zum jüngsten Katalog bekennt Peter Finger, einer der Geschäftsführer, dass es dem Unternehmen um mehr als bloss die kaufmännische Seite gehe und herausgebracht werde, was aus musikalischen Gründen der Veröffentlichung wert sei. Man glaubt es ihm.
Zu den neueren Releases gehört ein Album des russischen Solisten Evgeni Finkelstein, der neben Werken von Weiss, Bach, Giuliani, Muffat und Koshkin auch eine Eigenkomposition eingespielt hat. Interessant ist die Aufnahme aber nicht zuletzt für Interpreten von Bach auf der Gitarre, präsentiert Finkelstein doch eine valable Lösung für das leidige Klangproblem, vor dem sich alle sehen, welche die Soloviolinsonate BWV 1003 für sich nutzbar machen wollen. Der Russe wählt anstelle der vor allem in langsamen Partien gezupft doch sehr dünn wirkenden Violinfassung die Bearbeitung BWV 964, die Bach von dem Werk für Cembalo verfasst hat, und adaptiert sie für sein Instrument. Das Resultat ist durchaus überzeugnd.
Eine weitere Neuheit stellt das Album «Hommages» der Uruguayerin Adriana Balboa dar. Es vereint verschiedenste Tribute an Komponisten des 20. Jahrhunderts, die der Gitarre wichtige Impulse verliehen haben. (wb)
Acoustic Music
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Evgeni Finkelstein, Sonata: Weiss, Ouvertüre D-Dur; Bach: Sonate für Cembalo a-Moll BWV 964; Giuliani: Variationen; Muffat: Passacaglia in A-Dur; Koshkin: Hommage à Segovia; Finkelstein: Der Schwarze Rabe (Ballade). Order-Nr. 319.1323.2, 15 Euro.
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Adriana Balboa, Hommages: Iannarelli: Tribute to Keith Jarrett; Domeniconi: Hommage à Jimi Hendrix; Brouwer: Hika (in Memoriam Toru Takemitsu); Zambrana: Carta a Egberto Gismonti, Carta a Astor; Pujol: Homenaje a Astor Piazzolla, Variaciones sobre un tema de Atahualpa Yupanqui; Tedesco: Omaggio a Paganini. Order-Nr. 319.1334.2, 15 Euro.
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