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Kaija Saariaho: Liebe und Tod

03.07.2005 — Unsterbliche Liebe, verknüpft mit dem Tod – allgegenwärtig ist diese Konstellation in Literatur, Bildender Kunst, Musik, Mythologie und Religion. Die Verbindung der Macht der Liebe in ihren Facetten, ihren Intensitäten mit der Allmacht des Todes sind zentrale Erfahrungen in allen Zivilisationen, haben ohne Unterbruch ihren Ausdruck gefunden seit den Anfängen der Menschheit.

Im Schaffen der 1952 in Helsinki geborenen Komponistin Kaija Saariaho (sie studierte bei Paavo Heininen und Brian Ferneyhough) nimmt die vor fünf Jahren an den Salzburger Festspielen uraufgeführte fünfaktige Oper «L’amour de loin» (Die ferne Liebe bzw. Liebe aus der Ferne) eine wichtige Stelle ein. Ihr Thema: Liebe und Tod.

Jaufré Rudel, ein Troubadour aus dem 12. Jahrhundert, schreibt Liebesgedichte an eine imaginäre Comtesse in Tripolis. Ein Pilger berichtet ihm von der realen Existenz der Dame. Rudel reist nach Tripolis, erkrankt und haucht sein Leben aus in den Armen seiner Angebeteten. Die nun ihrerseits von Liebe erfüllte Comtesse zieht sich trauernd ins Kloster zurück.

Ein Jahr nach der Uraufführung von «L’amour de loin» entnahm Saariaho der Oper fünf Szenen und konzentrierte das Material wie in einem Brennspiegel zu einem eigenständigen, zwischen Orchesterlied und Oper anzusiedelnden Werk. Spannend ist es, Kaija Saariahos Erkundung impressionistischer Klangvaleurs, Texturen und Schichtungen zu verfolgen, den raffiniert eingesetzten Orchesterapparat, den Kontrastreichtum, die lyrische Expressivität der beiden Solostimmen (Sopran und Bariton) und die ungebrochene Innenspannung dieser «Cinq reflets de L’amour de loin» (Fünf Spiegelungen der fernen Liebe).

Saariahos 1998/1999 für Orchester und Chor geschriebene siebensätzige Komposition «Oltra mar» (gemeint ist das andere Ufer des Ozeans) ist eine der Arbeiten, in denen die seit 1982 in Paris lebende finnische Komponistin sich thematisch mit «L’amour de loin» auseinandersetzt. Eine Fahrt auf dem Meer, dem Beginn allen Lebens, wird zum Sinnbild der irdischen Existenz, der Reise von der Geburt bis zum Tod.

Der Satz «Mort» ist dem 1998 verstorbenen Franzosen Gérard Grisey gewidmet, der, ausgehend vom Oberton-Spektrum, «Spektralharmonien» entwickelte und mit seiner Klangfarbenmusik Kaija Saariaho beeinflusste, die Griseys Ideen weiterentwickelt. In «Mort» vertonte die Komponistin eine ins Französische übertragene Totenklage der Pygmäen: «Der Himmel ist klar, die Augen sind erloschen, der Stern leuchtet. Der Mensch ist gegangen, der Schatten verschwunden, der Gefangene ist frei.»

Die Poesie ist eine von Kaija Saariahos Inspirationsquellen, eine andere die Bildende Kunst – bevor sie sich ganz der Musik verschrieb, hatte Saariaho an der Hochschule für Kunst und Design in Helsinki studiert. «Nymphea», ein Werk für Streichquartett und Elektronik – der Titel evoziert Claude Monets grosse Seerosengemälde –, hat sie vierzehn Jahre später umgearbeitet. (In einem Teil ihres Œuvres setzt sich Saariaho mit den Möglichkeiten elektronischer Klangsynthese und Klangtransformation auseinander).

«Nymphea Reflection» (2001), gesetzt für Streichorchester, überträgt den elektronischen Part in die Instrumentalmusik. Die Metamorphose der Pflanze und die Licht reflektierende und Formen sanft verbiegende Wasseroberfläche finden Ausdruck im unablässigen Fluktuieren der melodischen und der rhythmischen Motive und der Farbklänge. Im letzten Satz tritt zu den Streichern die menschliche Stimme; der Chor flüstert ein Gedicht Arseni Tarkowskis – mehr expressives Element als sprachliche Mitteilung.

Der haftende starke Eindruck, den die drei hier eingespielten Werke dieser herausragenden Komponistin hinterlassen, gründet nicht zuletzt auf den exzellenten, klar disponierten und emotional aufgeladenen Interpretationen unter der Leitung des Finnen Jukka-Pekka Saraste. (ws)

Kaija Saariaho: «Cinq reflets de L’amour de loin» (2001), «Nymphea Reflection» (2001), «Oltra mar» (1998/1999). – Pia Freund (Sopran), Gabriel Suovanen (Bariton). Tapiola Chamber Choir, Finnish Radio Symphony Orchestra. Leitung: Jukka-Pekka Saraste. (Ondine ODE 1049-2; 73’. Booklet engl., frz., dt., finnisch; vertonte Texte frz. und engl.)

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