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George Enescu, der Sinfoniker

21.07.2005 — George Enescu? – Ah ja: der rumänische Violinvirtuose, gefeierte Bach-Interpret, Lehrer von Yehudi Menuhin, Arthur Grumiaux, Christian Ferras, auch Komponist. Aber wo sind seine vielen Werke, all die Instrumental-, die Vokalmusik, die Oper «Oedipe»?

Seinerzeit – in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – war er ein Star am Firmament der Musikwelt, triumphierte als Geiger, Pianist, Dirigent und gesuchter Musikpädagoge in Europa und den USA. Studiert hatte der 1881 in einem nordrumänischen Dorf geborene George Enescu in Wien ab seinem 7. Lebensjahr, ab seinem 13. dann am Conservatoire von Paris Violine, Klavier, Dirigieren und Komposition (bei Massenet, anschliessend bei Fauré). In allen Fächern heimste er 1. Preise ein, noch vor Vollendung seines 17. Lebensjahrs. Und bereits hatte er neben anderen Werken auch vier (Jugend-)Sinfonien komponiert. (Im Werkverzeichnis figurieren die drei später entstandenen Sinfonien).

Pablo Casals nannte ihn «den erstaunlichsten Musiker seit Mozart», Menuhin einen «Aristokraten des Herzens». Und heute, ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod – Georges Enesco (so seine französische Namenvariante) starb 1955 in Paris –, ist der einst gefeierte Weltbürger nur noch eine Randfigur, in guten Lexika kurz erwähnt, geschätzt von einigen Geigenfans, im Musikleben weitgehend vergessen.

Zugegeben, die Auseinandersetzung mit seinen Kompositionsstilen, in denen Einflüsse von Wagner und Brahms, der französischen Musik und der rumänischen Folklore und Zigeunermusik verschmelzen, ist kein entspannendes Unterfangen. Die übersprudelnde Ideenfülle und die auf weitgedehnte Entwicklungsbögen angelegte, dicht gearbeitete Gestaltung erschweren den spontanen Zugang. Umso mehr, als Enescu mit immenser Phantasie und Kombinationsgabe die Elemente seiner musikalischen Sprache aufsplittert, schichtet, Kleinteiliges in Übergreifendes wandelt und die Gelenkstellen des formalen Ablaufs kaschiert, den tradierten Formbegriff unterläuft. Trotz der Verwurzelung in tonal basierten Strukturen entzieht sich seine Musik bewährten ästhetischen Ordnungen, ist diesbezüglich von eigenwillig modernem Zuschnitt.

Vor einem Dutzend Jahren haben sich Lawrence Foster und das Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo mit Enescus Sinfonien Nr. 1 op. 13 (1905) und Nr. 2 op. 17 (1914) auseinandergesetzt. Wieder aufgelegt werden diese Werke nun in einem 2-CD-Album zusammen mit der kürzlich durch Foster und das Orchestre National de Lyon eingespielten 3. Sinfonie op. 21 (1918) und dem sinfonischen Gedicht «Vox Maris» op. 31 (1950).

Eher von der französischen Spätromantik als von der deutschen Klassik inspiriert zeigt sich der 24-Jährige in seiner Es-Dur-Sinfonie, deren drei Sätze mit französischen Vortragsbezeichnungen überschrieben sind. Die Originalität der thematischen Erfindung und episch ausgeweiteten Umformung, der rhythmischen Eloquenz und der farbenreich brillanten Instrumentation des grossen Orchesterapparats, die handwerkliche Souveränität, die sichere Beherrschung der Proportionen und die fluktuierenden Ausdrucksbereiche zeugen von staunenswert vitaler Eigenständigkeit.

Dass es Enescu hier nicht um die Illustration irgendwelcher innerer Befindlichkeiten oder äusserer Ereignisse geht, vielmehr um die Musik als freies Spiel von Klang und Form, von Schichtungen und Umschichtungen differierender melodischer Muster, erweist sich auch in der viersätzigen 2. Sinfonie in A-Dur. Wo er – wie im dritten und letzten Satz der 3. Sinfonie (C-Dur) – den Chor zu Orgel- und Glockenklang serene Vokalisen singen lässt, kippt die Atmosphäre wohl für manchen Zuhörenden ins Geschmäcklerische.

Einer prallen Opernszene nahe steht das erst 1964 uraufgeführte, knapp 30-minütige Poème symphonique «Vox Maris», deren Komposition, angeregt durch ein Gedicht von René Willy, bereits in den Zwanzigerjahren begann. Eine üppige, extravertierten Effekten nicht abholde Orchestersprache, unterstützt durch Sopran, Tenor, Chor und Windmaschine, schildert packend Meereslandschaft, Sturm und Schiffbruch. (ws)

George Enescu: Symphonies 1–3. «Vox Maris». Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo, Orchestre National de Lyon. Marius Brenciu (Tenor), Catherine Sydney (Sopran). Chœur de chambre Les Eléments. Leitung: Lawrence Foster. (EMI Classics 7243 5 86604 2 5; 2 CDs; 154’)

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