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Luciano Berios «Sinfonia»

15.08.2005 — Zwanzigjährig war Luciano Berio, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Wie die meisten Künstler seiner Generation hatte ihn das Trauma der Zerrüttung der abendländischen Zivilisation und Kultur erschüttert. Die Traditionen, die alten Werte waren unter den faschistischen und stalinistischen Regimes verraten und pervertiert worden. Wo fanden sich tragfähige Grundlagen, auf denen sich künstlerische zukunftsgerichtete Arbeit basieren liess? Drängte sich nach der «Stunde Null» der resolute Bruch mit allen Dogmen auf, oder liess sich Vergangenheit kritisch und argwöhnisch auf beständige, auf entwicklungsfähige Substanz befragen und für das eigene Schaffen zurückgewinnen?

Berio, der Dallapiccola und Maderna zu seinen Mentoren zählen konnte, entschied sich für den zweiten Weg, den keinesfalls einfacheren. Zwar erkundete er als Mitglied der Darmstädter Avantgarde intensiv die neuen Richtungen, den Serialismus und die Möglichkeiten der elektroakustischen Klangerzeugung (1956 gründete er mit Maderna das Studio di Fonologia bei der RAI in Mailand), doch behielt er forschend und komponierend das Ganze im Blick, will sagen die Stile, die Materialien, die Elemente, die Techniken, die Heterogenität der musikalischen Sprache in all ihren historischen Bezügen.

Weitere konstitutive Elemente in Berios Schaffen (übrigens auch in jenem seines um ein Jahr älteren Landsmanns Luigi Nono) sind – in Zusammenarbeit mit Eco, Calvino, Sanguineti, im Umgang mit James Joyce (dessen offener Form) – die Erkundung der Sprachebenen, die Verknüpfung von phonetischer und semantischer Wirkung. In den Erfahrungen des Weltkriegs, der totalitären Tyrannei, wurzelte Berios energisches politisches Engagement.

In der fünfsätzigen «Sinfonia» für acht Stimmen und Orchester, einem seiner Hauptwerke aus den Sechzigerjahren, das Berio in den USA im Auftrag der New Yorker Philharmoniker schrieb und 1968 selber zur Uraufführung brachte, widerspiegeln sich viele seiner Intentionen: das Befragen, Analysieren, Dekonstruieren, Kommentieren der Vergangenheit (der Mittelsatz entwickelt sich auf einem Zitatenfluss aus Werken Mahlers, Debussys, Ravels, Berlioz’, Beethovens, Strawinskys), auch die Polyphonie, die Verflechtung vielfältiger Materialien, die Expressivität der Textteile und -partikel (Lévi-Strauss, Valéry, Joyce, Beckett), die Behandlung der menschlichen Stimme und deren Verschmelzung mit dem grossen Instrumentarium.

Nicht erstaunlich, dass Luciano Berio (1925–2003) den traditionsbelasteten Organismus Sinfonieorchester seinen künstlerischen Intentionen anverwandte, indem er ihn auf neue Klangaspekte hin untersuchte, entsprechend frei umgruppierte und mit unkonventionellen Instrumenten bereicherte. Das vorliegende Album enthält auch Berios letztes reines Orchesterwerk, «Ekphrasis» (1996), nach den Worten des Komponisten, «eine kontinuierliche, immer wechselnde Klanglandschaft», «ein Kommentar zu einem Adagio».

In den engagierten Darstellungen durch das Sinfonieorchester Göteborg und die London Voices unter Peter Eötvös packen die Energie, die opulente Klangpalette, die irisierende Atmosphäre und sichern den labyrinthischen vielschichtigen Werken ungebrochene Ausstrahlung, erleichtern die Arbeit des Zuhörens. Wie sagte doch Berio? Seine Werke erlaubten eine Vielzahl möglicher Annäherungen, Auseinandersetzungen, Auslegungen; sie bestünden deshalb «nicht in sich», sondern «in uns». (ws)

Berio: Sinfonia. Ekphrasis. Göteborgs Symfoniker. London Voices.
Leitung: Peter Eötvös. (DGG Music of Our Time 00289 477 5380; 51’)

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