Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Gesänge der Hildegard von Bingen

18.08.2005 — Die beiden grossen Frauengestalten des Hochmittelalters standen Klöstern vor: Hildegard von Bingen und Herrad von Landsberg. Hildegard (1098–1179), Äbtissin des von ihr gegründeten Benediktinerinnenklosters Rupertsberg bei Bingen (Rheinland-Pfalz), war hoch angesehen und verehrt als Theologin, Naturärztin, Prophetin und Musikerin. Geistliche wie weltliche Herrscher, darunter Bernhard von Clairvaux und Kaiser Barbarossa, holten sich bei der eigenständig denkenden, energischen, weltoffenen Frau Rat.

Im Schatten der heiligen Hildegard steht die um eine Generation jüngere Herrad von Landsberg (1125/30–1195), Priorin des Klosters Hohenburg auf dem Odilienberg (Elsass). Das geistliche und profane Wissen ihrer Zeit fasste sie im «Hortus deliciarum» zusammen; der «Garten der Köstlichkeiten» ist die erste nachweislich von einer Frau verfasste abendländische Enzyklopädie. Der mit 350 Miniaturen reich geschmückte Pergamentfoliant verbrannte 1870 in Strassburg.

Hildegard von Bingen, die deutsche Gelehrte des fernen Mittelalters, ist zu einer internationalen Persönlichkeit avanciert. In erster Linie fanden ihre Bücher zur Heilkunde weite Verbreitung, später auch ihre geistlichen Gesänge. Dass sie durch fromme Klosterfrauen, vorerst im Rahmen von kirchlichen Feiern, wieder mit besonderem Nachdruck gepflegt wurden, war nicht zuletzt eine Gegenbewegung zu den Anordnungen des 2. Vatikanischen Konzils (1962–1965), das Latein der Messe in der Regel durch die Volkssprachen zu ersetzen. Die Wiederbelebung der Gregorianik über Insiderkreise hinaus und ihre eigentliche Popularisierung ausserhalb der Kirchenmauern (samt Ausläufern in seichte Gefilde) ist paradoxerweise der Verdrängung aus dem Gottesdienst durch die Kurie zu verdanken. Zudem kamen dann der Schallplattenindustrie, stets begierig nach neuen Trends mit vielversprechendem Potential, diese einstimmigen Gesänge zur richtigen Zeit, konnten doch damit auch die in den Achtzigerjahren neuerwachten esoterischen Bedürfnisse weiter Kreise bedient werden.

Anfänglich fanden nur vereinzelte der 77 von Hildegard auf eigene lateinische Texte komponierten Gesänge (ohne das Mysterienspiel «Ordo virtutum») Eingang in Sammelalben. Um 1960 berücksichtigte der Aachener Domchor unter Theodor Bernhard Reichmann Gesänge der Hildegard; von 1979 (800. Todestag) datiert eine weitere Pionier-Einspielung durch die Benediktinerinnenabtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen, unter der Leitung von Immaculata Ritscher. Verdient um Hildegards Musikschaffen machte sich ab 1980 zudem der Instrumentalkreis Helga Weber.

In den Neunzigerjahren intensivierte sich die Hildegard-Pflege in Europa und den USA – eine steigende Flut von Büchern und CDs kam zum 900. Geburtstag der Gelehrten auf den Markt. Die Spannweite der Interpretationen reicht von der rein solistischen Wiedergabe bis zur responsorialen, mit oder ohne Instrumente, klösterlich introvertiert oder farbenreich festlich im Ausdruck.

Einen eigenen Weg beschreitet das Ensemble Cosmedin (Stuttgart) mit Responsorien und Antiphonen (Mariengesänge, Engelslob) und der grossen Sequenz für den heiligen Rupert, «O Jerusalem». Die Sopranistin Stephanie Haas bringt in ihrer aus dem Studium der handschriftlichen Quellen und der melodischen Charakteristika (weite melismatische Fortspinnungen, grosser Ambitus der Intervalle) gewonnenen Vertrautheit Hildegards Musik aus innerer Ruhe intensiv und kraftvoll zum Leuchten. Die vokale Lobpreisung ist eingebettet in zarte, aus den Klängen, Rhythmen, Bordun- und Obertönen von Tambura, Psalter Tambura, Röhrenglocken, Chimes, Cymbals geflochtene stehende oder fliessende Raum-Gebilde. Auch in seinen sechs solistischen, zwischen den einzelnen Gesängen sich entfaltenden Improvisationen verschmilzt Christoph Haas Mittelalterliches und Zeitgenössisches, Fernes und Nahes zu einer meditativen Klangaura. (ws)

Hildegard von Bingen: Seraphim. Ensemble Cosmedin: Stephanie Haas, Gesang, Christoph Haas, Instrumente. (Animato ACD 6074; 67’)

Schreibe einen Kommentar