21.09.2005 — In den Beethoven-Biografien ist ihm ein prominenter Platz sicher, in Musikgeschichten und -führern rangiert er unter den Fussnoten: Ferdinand Ries (1784–1837), Klavierschüler Beethovens in Wien von 1802 bis 1805, dessen Stimmenkopist und Adlatus, später Mitverfasser der «Biographischen Notizen über L. van Beethoven» (1838), der frühesten Lebens- und Werkbeschreibung des Meisters.
In reiferen Jahren befreite sich Ries allerdings aus dem Schatten seines Lehrers, machte sich europaweit einen Namen als Klaviervirtuose, Komponist und Dirigent. Allerdings hatte er sich in der napoleonischen Ära zu profilieren, keine günstige Voraussetzung für einen Neuling ohne Verbindungen. Kaiserreiche und Diktaturen fördern Prunk, Pathos und Protzertum auch in allen Bereichen der Kunst. In der Musik sind Opern und Oratorien, üppige Chorwerke und Sinfonien gefragt; jedenfalls soll das Kollektive positiv und imposant zur Wirkung gebracht werden.
Ferdinand Ries, voll jugendlicher Illusionen, machte sich auf ins Zentrum der Macht. 23-jährig liess er sich im Frühjahr 1807 in Paris nieder, um sich als Pianist und Komponist – er hatte bei Albrechtsberger studiert – einen Namen zu schaffen. Er konzertierte, schrieb für die Aufführung in Salons und Privatzirkeln fünf Klaviersonaten, acht Violin- und zwei Cellosonaten (sein Cellolehrer war Beethovens Bekannter Bernhard Heinrich Romberg gewesen), dazu das Klavierquartett op. 13 und das Septett op. 25. Der erhoffte Durchbruch misslang, die Tore der grossen Institutionen blieben ihm verschlossen, kein Verleger wollte seine Werke drucken. Im Sommer 1808 brach Ries nach Monaten des Darbens seine Zelte in der französischen Metropole ab, zog vorerst nach Wien, dann in seine Geburtsstadt Bonn.
Mehr Glück war ihm später in London, Godesberg, Aachen und Frankfurt a. M. beschieden, wo er sich Meriten erwarb als Dirigent, Lehrer und Komponist. Auf die Vielzahl seiner Kammer- und Klaviermusikwerke, auf seine sechs Sinfonien, seine Instrumentalkonzerte, darunter neun für Klavier, seine Oratorien und Opern hat sich der Staub der Archive gelegt.
Mit dem 1812, vier Jahre nach seiner Entstehung, in Bonn als Grand Septuor op. 25 für Klavier, Klarinette, zwei Hörner, Violine, Cello und Kontrabass publizierten Werk hat Ries eine allerdings kurzlebige Gattungstradition begründet, jene des Klavierseptetts. Vorbildhaft (auch für Schubert) war Beethovens Septett op. 20 für Bläser und Streicher, doch Ries führt nicht nur das Klavier als konzertierendes Instrument ein, er schreibt Kammermusik, keine Serenade (was auch die konventionelle viersätzige Anlage und der 2. Satz, ein Trauermarsch, signalisieren). Aufgenommen haben die Besetzung von Klavier und gemischten Bläsern/Streichern in eigenen Werken etwa Kalkbrenner, Hummel, Moscheles, Onslow, Spohr.
1816 komponierte Ries, der von 1813 bis 1824 hochangesehen in England wirkte, für eine Aufführung in der Londoner Philharmonic Society das Oktett in As-Dur op. 128 für die Besetzung Klavier, Violine, Bratsche, Klarinette, Horn, Fagott, Cello und Kontrabass. In diesem dreisätzigen Werk verschmelzen Grundzüge der Kammermusik mit jenen des Klavierkonzerts zu einem virtuosen Klavier-Kammerkonzert, in dem der Komponist all seine intellektuellen und manuellen Stärken ausspielen konnte.
Gewiss: Es ist viel Beethoven in Ries – was ihm unter den Zeitgenossen den Vorwurf mangelnder Originalität eingebracht hat. Auch die beiden hier eingespielten Werke lassen in manchem Beethovens Vorbild durchscheinen, doch ist es aufgehoben in einem persönlichkeitsstarken Ganzen, in dem klassischer Formenkanon und individueller Ausdruck zur Synthese gebracht sind.
Das in seiner festen Besetzung aus Streichquintett und Bläserquintett sowie Klavier (der exzellenten Pianistin Konstanze Eickhorst) bestehende, 1978 gegründete deutsche Linos-Ensemble stellt die beiden Werke von Ferdinand Ries in helles Licht, brilliert durch handwerkliche Akkuratesse, ausgefeiltes Ensemblespiel, durch Farbenreichtum und, nicht zuletzt, eine Spontaneität des Gestaltens, die den Werken Glanz und Frische sichert. (ws)
Ferdinand Ries: Grand Septuor op. 25 & Gran Otetto op. 128. Linos-Ensemble. (Classic Produktion Osnabrück, cpo 999 937-2; 55’)