29.10.2005 — Emotional erschütternde Erlebnisse können Schlüsselfunktion haben, die Persönlichkeitsentwicklung und den zukünftigen Beruf nachhaltig prägen. Von einer solcherart eingreifenden Initialzündung berichtet auch der Dirigent Charles Mackerras: 1947 erlebte der 22-Jährige im Prager Nationaltheater eine von seinem Lehrer Václav Talich geleitete Aufführung von Leos Janáceks Oper «Katja Kabanova».
Mackerras erinnert sich: «Welch eine Offenbarung diese Aufführung für mich war! Hier war ein Komponist, dessen Namen ich kaum kannte, der seit 20 Jahren tot war, mit einer Oper in einem von allem mir Bekannten grundverschiedenen Idiom, der die menschliche Stimme und die Modulationen seiner seltsam klingenden Sprache auf absolut ureigene Weise einsetzte und dessen Instrumentierung und Harmonie in Farben und Klängen resultierten, wie ich sie noch nie gehört hatte.»
Mackerras’ erste Begegnung mit einer Janácek-Oper hatte Folgen: Heute gilt der 1925 in den USA als Sohn australischer Einwanderer geborene Dirigent als kompromisslosester, initiativster und erfolgreichster Anwalt von Janáceks Œuvre.
Zu bedenken ist, dass der Mähre Leos Janácek (1854–1928), der sich intensiv mit der böhmischen und mährischen Volksmusik auseinandersetzte, traditionelle Formen sprengte und in der Sprachmelodie, der Melodie des tschechischen Wortes, «Fenster in die Seele» erkannte und psychologisch ausgestaltete, Interpreten und Publikum vor erhebliche Schwierigkeiten stellte. Auch die unkonventionelle Instrumentierung war für viele Zeitgenossen nicht Ausdruck von Originalität, vielmehr ein Beleg für Absonderlichkeiten und unbewältigtes Handwerk. Manche Komponisten und Dirigenten sahen sich berufen, hier einlässlich zu flicken, was einem Glätten nach konventionellen Mustern gleichkam.
Erst drei Jahrzehnte nach dem Tod des Komponisten begannen Janácek-Verehrer, sich für die Wiederherstellung seiner Intentionen einzusetzen und sichteten die Originalmanuskripte, Kopistenabschriften und frühen gedruckten Ausgaben. An vorderster Front aktiv waren dabei John Tyrrell, Musikwissenschaftler und Mitautor des Janácek-Werkverzeichnisses, und Charles Mackerras, der sich in Oper und Konzertsaal als herausragender Interpret der Musik des grossen Alleingängers profilierte.
Zwischen 1976 und 1982 nahm Mackerras in Wien mit dem Chor der Wiener Staatsoper und den Wiener Philharmonikern für das Label Decca die reifen Opern Janáceks in den originalen Fassungen auf. Veröffentlicht wurden die Alben in Einzelausgaben zwischen 1977 und 1986. Alle gelten sie, mehrfach mit Preisen bedacht, noch heute als Referenzeinspielungen.
Unter den Sängerinnen finden sich Nadezda Kniplová, Libuse Márová, Ivana Mixová, Lucia Popp, Elisabeth Söderström und Eva Zigmundová, unter den Vokalisten Beno Blachut, Peter Dvorsky, Dalibor Jedlicka, Vladímír Krejcík, Richard Novák, Jaroslav Soucek, Zdenek Svehla und Václav Zítek. Die hier Genannten wirken in mehr als einem Werk mit.
Aus Anlass des 80. Geburtstags von Sir Charles Mackerras im kommenden November sind nun in einer 9-CD-Kassette die fünf Musiktheaterwerke «Jenufa» (UA 1904), «Katja Kabanova» (1921), «Das schlaue Füchslein» (1924), «Die Sache Makropulos» (1926) und «Aus einem Totenhaus» (1930) versammelt. Ebenfalls enthalten sind die vom Komponisten ausgeschiedene Ouvertüre zu «Jenufa» («Zárlivost»), die Schlussszene der «Jenufa» in der glättenden Instrumentation von Karel Kovarovic, die zweiteilige Orchestersuite, die Václav Talich mit Materialien aus dem «Schlauen Füchslein» zusammengestellt hat, die «Sinfonietta» (1928) und die Rhapsodie «Taras Bulba» (1918) nach Gogol.
Das Booklet (engl., frz., dt.) bringt nebst den technischen Angaben Einführungen in die Opern samt Schilderung des Inhalts und Ablauf der Szenen, aber keine Libretti. Wer des Tschechischen nicht mächtig ist, dem entgehen notgedrungen die sprachmelodischen Finessen. Was ihm von Musik und Interpretation bleibt, ist faszinierend und beeindruckend. (ws)
Janácek: The Cunning Little Vixen. From the House of the Dead. Jenufa. Kát’a Kabanová. Vec Makropulos. Sinfonietta. Taras Bulba. – Vokalsolisten, Chor der Wiener Staatsoper, Wiener Philharmoniker. Leitung: Sir Charles Mackerras.
(Decca 475 6872; 9 CDs)