06.01.2006 — Von der barocken Pauke und Trommel zum üppig besetzten Schlaginstrumentarium der Moderne: Keine Gruppe des Orchesters hat derart an Opulenz, Gewicht, exotischem Flair und Beharrlichkeit zugelegt wie das Schlagzeug, das sich im 20. Jahrhundert, nicht zuletzt nachhaltig beeinflusst durch aussereuropäische Rhythmus- und Schlaginstrumente und den Jazz, zu einem eigenständigen, reich bestückten Perkussionsensemble entwickelt hat.
Kein Wunder, dass innovative Komponisten sich ausgefallenen reinen Schlagzeug-Kombinationen zuwenden, die unverbrauchten Möglichkeiten, die sich ihnen hier bieten, erkunden und Interpreten bzw. Ensembles Partituren auf den Leib schreiben. Was mit 1 Spieler und einigen wenigen Instrumenten (Set-up, Drum-set) begonnen hatte, uferte mehr und mehr aus: Berio beschäftigt in «Circles» (1960) zwei Spieler an rund dreissig Instrumenten, Boulez in «Rituel in memoriam Bruno Maderna» (1975) neun Mann an fünf Dutzend Geräten. Bereits 1955 verlangte Stockhausen in «Nr. 6 Gruppen für drei Orchester» über siebzig Klanggeräte.
Nicht erstaunlich, dass sich auch die 1953 in Bukarest geborene, am Mozarteum Salzburg lehrende Rumäniendeutsche Adriana Hölszky der Komposition für Perkussion zugewandt hat, geht es ihr doch grundsätzlich um Ausdifferenzierung und Schattierung, um Entfaltung der klanglichen Spektren, sei es der menschlichen Stimme, der einbezogenen dichterischen Texte, sei es der traditionellen oder ausgefallenen Instrumente und ihrer Spieltechniken. «Man sucht nach etwas, was man noch nie gemacht hat», sagt sie und vergleicht ihr Komponieren mit der Arbeit eines Bildhauers, der durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Material die Form findet.
Die räumliche Komponente der Plastik prägt auch Adriana Hölszkys Schaffen für Schlagzeugensembles. Die Aufstellung der Gruppen im weiten Raum findet ihre Entsprechung im Gestischen, in der unablässigen Fluktuation, Ausdehnung und Verflüchtigung der Klangflächen, den Brechungen von Klängen, Rhythmen, in den schattenhaften Geräuschen, kaleidoskopartigen Reflexionen, in filigranen, sich überlagernden Geweben und Zeitebenen und aufgetürmten brachialen Massen.
Das vorliegende Album vereint drei Werke: «Vampirabile» (1988), Lichtverfall für 5 Vocalisten mit Percussion und Wortpartikeln aus deutschsprachiger Dichtung; «Karawane» (1989/90) für 12 Schlagzeuger; und «Klaviatur der Mythen» (1998/99) für 6 Schlagzeuger und Orchester. Packende, verstörende, eindringliche Interpretationen bieten das Percussion Ensemble Stuttgart (Leitung Klaus Treßelt), das Ensemble v.act (Angelika Luz) und die Stuttgarter Philharmoniker unter Jörg Peter Weigle. (ws)
Adriana Hölszky: «Karawane». Bauer Studios Ludwigsburg, Neuklang NCD 4007; 57’. Bei Amazon kaufen