18.04.2006 — Der Weg von Kunstschaffenden zu internationaler Anerkennung ist steinig und voller Fallgruben. Zufälle sind launisch, hilfreiche sowieso, Begabung hin oder her. Legionen Komponierender tauchen in keinem Lexikon auf, obwohl sie es zu nationalem Ansehen, gar zu internationaler Beachtung gebracht haben. Nicht manchen darunter ist beschieden, dass sich Nachgeborene oder Freunde tatkräftig für die Wiederbelebung und Verbreitung ihres Werks engagieren.
Kein unwesentliches Verdienst der Tonträger ist es, Musik unbekannter Komponisten unter Hörer zu bringen, die an Entdeckungen interessiert sind. Für das künstlerische Erbe des griechischen Komponisten Georgios Kasassoglou (1908–1984) setzen sich sein in Deutschland lebender Sohn, der Pianist und Architekt Wassilis, und sein Enkel Jörg-Mark Kasassoglou ein, der in seinem Noten- und CD-Verlag bisher zwei CDs mit Liedern, Klavier- und Kammermusik seines Grossvaters vorgelegt hat.
Der in Athen geborene Georgios Kasassoglou bildete sich in Philologie und Politischen Wissenschaften aus, studierte Violine, Musiktheorie und Komposition. 1933 nahm er seine über ein Vierteljahrhundert dauernde Tätigkeit als Gymnasialmusiklehrer und Chorleiter auf. 1934 heiratete er die Pianistin und Sängerin Flora Papachristofilou. Der auch an Literatur, Kulturgeschichte und Archäologie interessierte Kasassoglou war während Jahrzehnten Vorstandsmitglied der Vereinigung griechischer Musiker und der Theatergruppe «Thimelikos Thiassos». Er verfasste literarische Essays, Artikel über Musik, seit 1928 regelmässig für die Musikzeitschrift «Nea Estia», Kritiken für Zeitungen und Zeitschriften und hielt Vorträge.
Sein der nationalen griechischen Schule verpflichtetes Œuvre, mit dem Kasassoglou auch in Deutschland, Österreich, Italien, England und den USA Anklang fand, umfasst Bühnenmusiken für antike Tragödien und Komödien, Sinfonische Dichtungen, Kammer- und Klaviermusik, Lieder mit Klavier- und Orchesterbegleitung.
Einer der Höhepunkte seiner künstlerischen Laufbahn war – wie in den Booklets der beiden vorliegenden Alben betont wird – die Begegnung mit Strawinsky 1952. «In Ihrer Musik höre ich Griechenland und in Ihrem Händedruck spüre ich Griechenland», äusserte sich dieser nach der Pariser Aufführung von Kasassoglous Bühnenmusik zu Aristophanes’ «Die Wolken».
Beeinflusst ist Georgios Kasassoglous fest in tonalem Grund verankerte Musik von spätromantischen und impressionistischen Elementen, die er mit Destillaten griechischer Folklore zu einem persönlichen, in Melodik und Harmonik aparten, zuweilen auch rauen, im formalen Verlauf eleganten vokal- und instrumentengerechten Stil vereint.
Das Album Vol. 1 bietet mit vier Klaviersätzen, dem Diptychon für Cello solo, der Mélodie pathétique in der Fassung für Violoncello und Klavier, den Fünf Liedern auf Gedichte von Angelos Sikelianos und den beiden kurzen Streichquartetten einen abwechslungs- und kontrastreichen Zugang zu Kasassoglous Ausdruckswelt.
Die von einem informativen Booklet (griech., dt., engl.) begleitete CD enthält einen Teil mit Bilddateien: Fotos aus Kasassoglous Familienalbum, Faksimile-Seiten einiger Manuskripte und das vom Komponisten verfasste und vorgetragene Gedicht «Iniochos».
Kompositionen für Violine und Klavier sind auf der zweiten CD zu hören: die viersätzige Sonate, die Fünf Fantasiestücke und die ursprünglich für Oboe geschriebene Mélodie pathétique, dazu die Drei Stücke für Violine solo – lyrisch und tänzerisch geprägte ausdrucksstarke Werke, wertvolle Bereicherungen des Repertoires. (ws)
Georgios Kasassoglou: Werke Vol. 1. Roswitha Sicca, Sopran, Lothar Arnold, Klavier. Mettlit Kasassoglou, Cello, Wassilis Kasassoglou, Klavier. Quadriga Quartett. (jmk-Verlag 172; 55’)
Georgios Kasassoglou: Werke für Violine und Klavier. Georgios Demertzis, Violine, Thanassis Apostolopoulos, Klavier. (jmk-Verlag 241; 62’)