04.05.2006 — Klanglandschaft Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Aufnahmen typischer Volksmusik von Norwegen bis Sardinien, von Irland bis Mallorca, von der Atlantikküste bis zum Ural. Die in diesem Album versammelten 26 seltenen Einspielungen, die zwischen 1911 und 1954 gemacht wurden, überraschen durch die Vielfalt der Stile, der Traditionen, der Stimmungen, nicht zuletzt durch das Können populärer Vokalisten, Volksmusikanten und Gruppen.
Dass viele dieser Aufnahmen aus den USA stammen, ist die Folge der Emigrationsschübe, die Hunderttausende von Europäern aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen in die Neue Welt getrieben haben. Die Musiker hatten ihre Instrumente im Gepäck und spielten in der neuen Heimat vor fremdem, an exotisch Klingendem interessierten Publikum oder im Kreis ihrer heimwehgeplagten Landsleute in der Regel zum Tanz auf.
Lang, zu lang hat die junge Aufnahme-Industrie in Europa wie in Amerika die Volksmusik gering geachtet, sei es aus Desinteresse, sei es weil ausschliesslich die Nachfrage der Käuferschicht befriedigt werden musste und dabei die «Kunstmusik» an oberster Stelle rangierte. Nicht zuletzt dem Verlangen der europäischen Immigranten in Amerika nach den vertrauten Klängen ihres Herkunftslandes verdanken wir es, dass Volksmusikanten ins Aufnahmestudio gingen. Wie die Muttersprache in den Auswandererkolonien weniger Umbildungen unterworfen war als in der Heimat, haben sich auch traditionelle europäische Musikstile in der Fremde zum Teil besser erhalten als im Ursprungsgebiet auf dem alten Kontinent.
Die faszinierende Reise durch Europa lässt Solostimmen, Männertrio und Frauenquartett erklingen und ein zahlreiches typisches Instrumentarium, darunter Geige und Hardanger Fiddle, Akkordeon und Bandoneon, Hackbrett und Cymbalom, Dudelsack, Drehleier, Mandoline, Klarinette und Tarogato, Tamburitza und Launeddas.
Trouvaillen sind Aufnahmen mit der Fado-Sängerin Ermelinda Vitória (1929), der Flamenco-Interpretin La Niña de los Peines (1927) und der Dimotiki-Sängerin Georgia Mittaki (1948), mit dem sardischen Launeddas-Virtuosen Efisio Melis (1937) und dem finnischen Geiger und Sänger Erik Kivi (1926), dem Konzertina-Solisten Grigori Matusewics aus Weissrussland (1929), mit dem Tarogato-Bläser Olah Lajos aus Ungarn (vor 1914) und dem rumänischen Klarinettisten Traian Lascut (um 1937), einem Vokaltrio aus Albanien (1930) und einem Appenzeller Jodlerquartett (1911).
Christoph Wagner, auch Herausgeber der Wergo-CD-Serie Echoes of World Cultures, hat die zweieinhalb- bis gut dreiminütigen Stücke aus sieben privaten Schellackplatten-Sammlungen zusammengestellt, von störenden Abspielgeräuschen reinigen lassen und im illustrierten Booklet (engl., dt.) kenntnisreich erläutert und mit Kurzbiografien der Solisten und Gruppen versehen. (ws)
Patchwork Europe – early recordings 1911–1954. (Serie Weltmusik, Wergo SM 1626 2; mono, 75’) Bei Amazon kaufen