15.08.2006 — Echt oder nicht? – Zwei Missa-pro-defunctis-Vertonungen von Michael Haydn (1737-1806) sind gesichert, das Schrattenbach-Requiem (MH 155; 1771 zum Tod des Salzburger Fürsterzbischofs Sigismund Graf Schrattenbach komponiert) und das fragmentarisch hinterlassene Requiem in B aus dem Jahr 1805 (1806, also vor 200 Jahren, starb Michael Haydn in Salzburg). In seinem Besitz und seiner Handschrift blieb noch ein weiteres Requiem erhalten, das nun für Diskussionsstoff und aufgeregte Auseinandersetzung sorgt.
In den Sechzigerjahren nahm Charles H. Sherman dieses Werk unter der Nummer 559 in sein Michael-Haydn-Verzeichnis auf. Vor sieben Jahren belegte der Michael-Haydn-Experte Pater Petrus Eder, Bibliothekar des Salzburger Stifts St. Peter, dass diese Totenmesse in c-Moll aus der Feder von Pater Georg Pasterwiz stammt (publiziert ist Eders Untersuchung im Kirchenmusikalischen Jahrbuch 83/1999).
Der Benediktinermönch Pasterwiz (1730-1803) unterrichtete in Kremsmünster Philosophie und Mathematik, wirkte als Regens chori und komponierte Schulopern, geistliche Singspiele, Orgel- und Cembalowerke, zehn Messen und ein Requiem – genau jenes, das Michael Haydn kopierte und mit seinem Namen versah, dies gewiss als Eigentumsvermerk, nicht zur Kennzeichnung der Urheberschaft – der als integer geschätzte Mann und berühmte Musiker hätte dies nicht nötig gehabt. Es ist auch keine Aufführung dieses Requiems unter Haydns Namen bekannt. Nicht kopiert hat Haydn den Introitus («Requiem aeternam»), der sich in der Originalpartitur von Pasterwiz findet.
Als «Weltpremiere» legen nun der Kammerchor Cantemus und die Deutsche Kammerakademie Neuss am Rhein unter Werner Ehrhardt im Label Capriccio besagtes Requiem vor (das unter dem korrekten Autornamen bereits vor Jahren eingespielt wurde). Wiederentdeckt hat es Olaf Krone in der Ungarischen Nationalbibliothek, und im Booklet stellt er Überlegungen an zum vermeintlichen Haydn-Opus von ca. 1792 und den Umständen von dessen Entstehung, die gar weit hergeholt sind. (Die Distributionsfirma hat den Rezensionsexemplaren ein Blatt mitgegeben, das die strittigen Fragen der Urheberschaft aufgreift.)
Immerhin: Das in der Grundstimmung introvertierte Werk von Pasterwiz ist im Ganzen abwechslungsreich und in manchen Details reizvoll und originell, und die beiden weiteren Werke, die Missa Sancti Joannis Nepomuceni und das Te Deum in D, stammen zweifelsfrei von Michael Haydn. Die Interpretationen besitzen vokalen und instrumentalen Glanz und beredte Überzeugungskraft.
Die Frage nach der Echtheit stellt sich nicht, denn das Requiem ist echt: laut Pater Eder halt echt Pater Pasterwiz. Ein Missgeschick kann auch Gutes nach sich ziehen – in diesem Fall tritt ein tüchtiger Zeitgenosse der Klassiker dank des zugkräftigen Namens Haydn aus dem Schatten der Geschichte. (ws)
Michael Haydn / recte Georg Pasterwiz /: Requiem. Michael Haydn: Missa Sancti Joannis Nepomuceni (MH 182), Te Deum in D (MH 829). Kammerchor Cantemus, Deutsche Kammerakademie Neuss am Rhein. Leitung: Werner Ehrhardt. (Capriccio SACD 71 084; 64′) Bei Amazon kaufen