21.08.2006 — Seit Jahrtausenden ist der Mittelmeerraum ein Gebiet der Begegnung, eine Region, in der Zivilisationen und Kulturen – mal in kriegerischem, mal in freundschaftlichem Vorhaben – aufeinander trafen, sich austauschten, vermischten, Handel trieben. Zeugnisse der wechselseitigen geistigen Befruchtung von Orient und Okzident haben sich auch in der Musik erhalten.
«From Byzantium to Andalusia – Medieval Music and Poetry» (Naxos) bietet eine aparte Auswahl von Werken der jüdischen, christlichen und islamischen Welt des Mittelalters. Das 1983 gegründete, auf die abendländische Musik des Mittelalters und der Renaissance sowie auf die klassische arabische und türkische Musik spezialisierte Oni Wytars Ensemble, geleitet von Peter Rabanser und Belinda Sykes, widmet sich Liedern und Tänzen der drei grossen mediterranen Kulturen aus dem 12. bis 14. Jahrhundert, darunter Sätze und Fragmente aus Byzanz, dem Libanon (ein christlich-arabisches Kyrie), der Türkei (Sufi- und Derwisch-Gesänge), aus Umbrien (Laudario di Cortona) und vom Montserrat in Katalonien (Llibre Vermell).
Das Booklet (engl./dt.) enthält einen fundierten Aufsatz zu den Werken und deren Quellen. Die gesungenen Texte (wo nötig in Umschrift) sind abgedruckt; die englische Übersetzung findet sich auf www.naxos.com/libretti/byzantium.htm.
In einer zwei CDs umfassenden Kompilation ruft das Label Virgin Classics zwei Grossmeister der Renaissance-Musik in Erinnerung: Gilles Binchois und Jehan de Lescurel. Während Binchois (Gilles de Binche, um 1400-1460), mit Guillaume Dufay Gründervater der frankoflämischen «Schule», als Chansonkomponist der ersten Stunde und Mitglied der burgundischen Hofkapelle auch biografische Spuren hinterlassen hat, ist von Jehan (oder Jehannot) de Lescurel nur bekannt, dass er Anfang des 14. Jahrhunderts in Paris im Übergang von der Ars antiqua zur Ars nova wirkte; im Manuskript des «Roman de Fauvel» finden sich von ihm gut dreissig Stücke, monophone Ballades, Virelais und Rondeaux.
In abwechslungsreicher Besetzung – a cappella oder durch altes Instrumentarium gestützt, dazwischen rein instrumental – interpretiert das Ensemble Gilles Binchois unter der Leitung von Dominique Vellard 17 Rondeaux und Ballades von Binchois und 20 Sätze von Lescurel. Eine Fundgrube für Freunde der «amour courtois», die allerdings den Wortlaut der gesungenen Texte im schmalen Beiheftchen vergeblich suchen.
David Munrows frühe Begeisterung für frühe Musik vom 12. Jahrhundert bis zum Barock schlug sich nieder in einer Vielzahl von Einspielungen und in der mit Christopher Hogwood unternommenen Gründung (1967) des Early Music Consort. Bereits mit 33 Jahren – 1976 – starb Munrow, der englische Bläser, Herausgeber und Dirigent. Drei Jahrzehnte nach dem Tod eines der Pioniere für Alte Musik und alte (auch exotische) Instrumente widmet ihm das Label Virgin Classics ein Doppelalbum mit Aufnahmen aus dem Siebzigerjahren.
Dass Tänze der Renaissancezeit in David Munrow einen begeisternden, mit Instrumentenkombinationen, Klangfarben und rhythmischen Mustern erfindungsreich experimentierenden Meister fanden, lässt sich erleben an opulent inszenierten oder kammermusikalisch subtil arrangierten Werken von Tylman Susato (Sätze aus «Danserye», 1551), Giorgio Mainerio («Il primo libro de balli», 1578), Thomas Morley («First Booke of Consort Lessons», 1599), Michael Praetorius («Terpsichore», 1612) sowie Giuseppe Guami, Pietro Lappi und Giovanni Priuli.
Während die römisch-katholische Kirche die Frauen marginalisiert hat, ist eine Frau zu einer zentralen Gestalt des Glaubens aufgebaut worden: die Gottesmutter Maria. Die Künste beteiligten sich extensiv und hingebungsvoll am Marienkult: In Poesie, bildender Kunst und Musik steht die unbefleckte Jungfrau mit ihrem Strahlenkranz sogar Gottvater und dem Heiligen Geist vor dem Licht.
Zurück zur Musik. Der junge französische Countertenor Philippe Jaroussky (in zwei Gesängen mit der Altistin Marie-Nicole Lemieux) hat sich ein wirkungssicheres, abwechslungsreiches Programm mit italienischen Motetten für die Jungfrau zwischen Rom und Venedig zusammengestellt. Unterstützt von Instrumenten (Zwischenspiele stammen von Frescobaldi und Bassani), nimmt der bereits mit diversen internationalen Preisen bedachte Vokalakrobat ein mit hellem Timbre, intensiver, aus dem Wort wachsender Gestaltung und brillant gemeisterten Koloraturen.
Die zwölf lateinischen Liebesgesänge an die Auserwählte, die Braut (oft mit erotischen Untertönen), die Tochter Jerusalems, die Himmelskönigin, die Herrin der Engel, die Mutter der Barmherzigkeit (und wie die Ehrentitel alle heissen) stammen von Komponisten aus dem 16. und 17. Jahrhundert, darunter Grandi, Cavalli, Legrenzi, Mattioli, Casati, Sances, Colonna.
Byzanz strahlte nicht nur gen Westen aus, auch Russland wurde vom Oströmischen Reich beeinflusst. Nicht zuletzt in Sachen Religion. Das Christentum breitete sich aus unter Grossfürst Wladimir I. von Kiew, der 988 getauft worden war. Der griechisch geprägte Glaube wurde zur Staatsreligion, und Russland kam in den Sog der byzantinischen Kultur, was das Land von Westeuropa mehr und mehr isolierte und die Ausbildung einer nationalen und kulturellen Eigenständigkeit, darunter auch der russisch-orthodoxen Kirche, förderte.
Deren Vokalmusik basiert auf dem liturgischen Gesang aus Byzanz (in kirchenslawischer Übersetzung) und den acht Kirchentönen – Instrumentalmusik war untersagt. In den liturgischen Chorgesang fand später das Volklied Eingang, im 18. Jahrhundert dann auch der italienische Stil.
Eines der Zentren der liturgischen russisch-orthodoxen Musik im Westen war von den Sechziger- bis Ende der Achtzigerjahre Paris, genauer der Chor der Alexander-Newski-Kathedrale unter der Leitung von Evgeni Ivanovitz Evetz (1905-1990). In einem 2-CD-Set (mit dürftigem Faltblatt) legt das Label Brilliant Classics technisch aufgefrischte Einspielungen dieses hervorragenden Chors flexibler jugendlicher Stimmen aus dem Jahr 1967 vor: eine kompositorisch und interpretatorisch wertvolle Anthologie.
Die Werke – mit Soli und Rezitator, in akkordisch einfacher Fortschreitung oder mächtiger (nicht kontrapunktischer) Vielstimmigkeit über schwarzen Bässen, in stets ruhigem Fluss auf kontemplative oder prunkvolle Wirkung hin angelegt – stammen von Meistern aus dem 19. und 20. Jahrhundert, darunter Bortnianski, Kastalski, Tschesnokow, Archangelski, Gretschaninow, Rimski-Korsakow, Ippolitow-Iwanow, Tscherepnin und Rachmaninow. From Byzantium to Andalusia – Medieval Music and Poetry. Peter Rabanser, Belinda Sykes, Jeremy Avis (Gesang). Oni Wytars Ensemble. (Naxos 8.557637; 60′) Binchois, Lescurel: Chansons. Ensemble Gilles Binchois. Leitung: Dominique Vellard. (Virgin Veritas 0946 3 49973 2 4; 2 CDs, 60’+68′) Renaissance Dance. Susato, Morley, Praetorius, Mainerio. The Morley Consort. The Early Music Consort of London. Leitung: David Munrow. (Virgin Veritas 0946 3 50003 2 0; 2 CDs, 104′) Beata Vergine. Motets à la Vierge entre Rom et Venise. Philippe Jaroussky (Countertenor), Marie-Nicole Lemieux (Alt), Ensemble Artaserse. (Virgin Classics 00946 344711 2 1; 72′) Russian Orthodox Church Music. Anthologie de la Musique Religieuse Orthodoxe Russe. The Choir of Alexander Nevsky Cathedral, Paris. Leitung: Evgeny Ivanovitz Evetz. (Brilliant Classics 7656; 159′) (ws)
From Byzantium to Andalusia – Medieval Music and Poetry. Peter Rabanser, Belinda Sykes, Jeremy Avis (Gesang). Oni Wytars Ensemble. (Naxos 8.557637; 60′)
Binchois, Lescurel: Chansons. Ensemble Gilles Binchois. Leitung: Dominique Vellard. (Virgin Veritas 0946 3 49973 2 4; 2 CDs, 60’+68′)
Renaissance Dance. Susato, Morley, Praetorius, Mainerio. The Morley Consort. The Early Music Consort of London. Leitung: David Munrow. (Virgin Veritas 0946 3 50003 2 0; 2 CDs, 104′)
Beata Vergine. Motets à la Vierge entre Rom et Venise. Philippe Jaroussky (Countertenor), Marie-Nicole Lemieux (Alt), Ensemble Artaserse. (Virgin Classics 00946 344711 2 1; 72′)
Russian Orthodox Church Music. Anthologie de la Musique Religieuse Orthodoxe Russe. The Choir of Alexander Nevsky Cathedral, Paris. Leitung: Evgeny Ivanovitz Evetz. (Brilliant Classics 7656; 159′)