18.10.2006 — In Europa finden sich die Wurzeln der Blasmusik in militärischen und anderen staatstragenden Funktionen. Der Marsch bleibt denn auch die Verkörperung der hiesigen Harmoniemusiken. In Lateinamerika gehen die meisten Bläser von klein auf durch die Schulen von Tanzorchestern, die im harten Konkurrenzkampf nur mit viel Groove und musikalischem Witz überleben und vom Blech mit rhythmischen Riffs und Changes so richtig gepfeffert werden. Auch das Venezuelan Brass Ensemble kann dieses Erbe nicht verleugnen, rundet die virtuose Agilität und Spielfreude seiner rund 30 Bläser und 12 Perkussionisten aber mit einer hervorragenden klassischen Schulung ab.
Das Programm, welches das Ensemble auf seiner bei EMI Classics erschienen Debüt-CD vorlegt, bietet denn auch eine Art Tour d’Horizon durch die virtuose Tanzmusik der Welt – von Bernsteins «Mambo» aus der «West Side Story» (von der auch «Fuge» und «Maria» zu hören sind) über den Tangoklassiker «Canaro En Paris» von José Carli, Katschaturians «Säbeltanz» bis zu Tschaikowskys Wunschkonzert-Favoriten, dem «Trepak» und dem «Chinesischen Tanz» aus der Nussknacker-Suite. Daneben finden sich auf der Silberscheibe Fanfaren, bei denen das Ensemble ebenso aus dem Vollen schöpfen kann: «The Early of the Oxford’s» von William Byrd, «Fanfare for the Common Man» von Aaron Copland und als Ersteinspielung eine sehr gut gemachte «Grand Fanfare» von Giancarlo Castro, notabene eine Komposition des jüngsten Mitglieds der Truppe. Abgerundet wird das Programm von drei würdevollen Klassikern: Giovanni Gabrielis «Sacrae Symphonia» und Richard Strauss’ «Feierlicher Einzug» und «Festmusik der Stadt Wien». Und selbstverständlich darf der Titel nicht fehlen, welcher der CD den durchaus passenden Namen gegeben hat: Gershwins «We Got Rhythm».
Die Wiedergaben des Ensembles sind frech, höchst unterhaltsam und von atemraubender Virtuosität, ohne dass sie je den Boden des guten Geschmacks verlassen würden. Dafür, dass da auf allerhöchstem Niveau musiziert wird, ist nicht zuletzt der Trompeter Thomas Clamor von den Berliner Philharmonikern verantwortlich. Er hat die «jungen Wilden» unter seine Fittiche genommen und ist auch voll des Lobes für die enthusiastischen Instrumentalisten. Dank zahlreicher Spenden war es möglich, dass seine Bläserkollegen dem südamerikanischen Nachwuchs in Workshops den letzten Schliff verpassten.
Die Basis für den Erfolg des Venezuelan Brass Ensemble ist aber auch im einzigartigen Fördersystem für das klassische Orchesterspiel gelegt worden, das in Venezuela gepflegt wird. Es geht auf die Intitiative des Dirigenten José Antonio Abreu zurück und bietet den Kindern des Landes von lokalen Kinderorchestern für die Einsteiger bis zum international renommierten Nationalen Jugendorchester alle Leistungsstufen – ungeachtet ihrer sozialen und musikalischen Herkunft. (wb)
Venezuelan Brass Ensemble (Thomas Clamor, Leitung): «We Got Rhythm!», EMI Classics, Oktober 2006, CD 3729862, Bei Amazon kaufen