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Ensemble æquatuor: «Im Zwielicht»

07.12.2006 — Sie hat auch im Schweizer Musikschaffen ihre Spuren hinterlassen: die sogenannte «Darmstädter Schule» rund um die legendären Internationalen Ferienkurse für Neue Musik mit ihren Galionsfiguren Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen und Luigi Nono. Davon zeugt die CD «Im Zwielicht» des Ensembles æquatuor, die Werke zweier Generationen helvetischer Neutöner als eine Art Tour d’Horizon präsentiert: Heinz Holliger, Hans Ulrich Lehmann und Nicolas A. Huber waren in ihren Zwanzigerjahren, als die europäische Avantgarde auf stramm serialistischen Kurs gebracht wurde – alle drei sind sie von Boulez, Stockhausen und/oder Nono in die Kunst des höheren Tonsatzes eingewiesen worden.

Eine Generation jünger sind Caspar Johannes Walter (geb. 1964), Rico Gubler (geb. 1972) und Valentin Marti (geb. 1965). Da verzweigt sich der serialistische Stammbaum, ohne allerdings seine Wurzeln zu verlieren: Walter studierte bei Johannes Fritsch, einem Mitglied des Stockhausen Ensembles und dem Computermusiker Klarenz Barlow, der selber als Dozent der Darmstädter Ferienkurse wirkte. Und Marti und Gubler sind Saxophonschüler von Marcus Weiss, einem herausragenden Interpreten Neuer Musik.

Damit ist implizit auch bereits gesagt, dass die auf der Silberscheibe versammelten Werke es dem Hörer keineswegs einfach machen. Ausgebreitet wird da nicht leicht zugängliche Musik, die das Gemüt erwärmen soll. Vielmehr wird analysiert, seziert, ausgehorcht und damit vom Rezipienten einiges an Konzentrationsfähigkeit und Wissen um die ästhetischen Voraussetzungen derartiger Klangwelten abverlangt – oder zumindest die Bereitschaft, sich in diese auch intellektuell einzuarbeiten. Als «Belohnung» winken neue Hörerfahrungen und eine faszinierende Sensibilisierung des Ohrs für die schillernden Zwischentöne der klingenden Kunst.

Natürlich hat die zeitgenössische Kompositionskunst sich seit dem serialistischen Diktat auf alle Seiten hin weiterentwickelt und mit vielem verbunden, was in den Zeiten der ideologischen Kompromisslosigkeit noch strikte abgelehnt worden wäre. Die Strenge der Darmstädter Ästhetik durchzittert aber auch die meisten Werke der CD direkt oder indirekt. Da dominiert das Spiel mit Klangnuancen und irisierenden Details als Formprinzip, welches die grosszügige, raumgreifende Geste verweigert – statt organisches Atmen ist eher ein Glasperlenspiel angesagt. Das Ohr wird da zum unbedingten und hochkonzentrierten Hinhören gezwungen – und die Bereitschaft wird abverlangt, sich auf eine kaum varriierte, jede Kleinigkeit unerbittlich scharf ausleuchtende akustische Brennweite einzustellen.

Die präsentierten Werke stellen zudem die Frage nach dem Verhältnis von Wort und Ton. Das Bemühen darum, den eigentlichen Wortsinn fasslich zu machen, steht dabei allerdings keineswegs im Zentrum. Im Spiel mit Texten werden da vielmehr Silben, ja einzelne Vokale und Konsonanten aufgebrochen und einzeln unter die Lupe genommen. So sezieren Walters in den neunziger Jahren entstandene «Drei Ansichten» ein Gedicht des Italieners Giacomo Leopardi, während Holligers 1962 uraufgeführtes Stück «Schwarzgewobene Trauer» Lyrik von Heinz Weder unters Mikroskop legt. Hubers «Demijour» meditiert über das Lied «Zwielicht» aus dem Liederkreis op. 39 von Robert Schumann – es findet sich ebenfalls auf der CD – , das wiederum selber die Vertonung eines Eichendorff-Gedichtes darstellt. Martis 2001 erstmals aufgeführtem «Fernruf J12» liegt eine 1935 vom nationalsozialistischen Berliner «Amt für Kunstpflege» (was für ein Zynismus!) herausgegebene Liste der «Kulturbolschewisten» zugrunde. Und Hans Ulrich Lehmann widmet sich im «Canticum II» einem Text des Amerikaners e. e. cummings, des Wortzerlegers und Silbenzertrümmerers par excellence.

Die Sammlung beweist, dass die Schweizer Beiträge zur Darmstädter Schule und ihrer Nebenbauten weit mehr als bloss ein «Mitturnen im Zirkus der Avantgardisten» darstellt. Die Mitglieder des Ensembles æquatuor, die Sopranistin Sylvia Nopper, der Oboist Matthias Arter, der Cellist Tobias Moster und die Pianistin Ingrid Karlen beweisen überdies, dass sie zur Weltspitze der Interpreten Neuer Musik gezählt werden dürfen. (wb)

Im Zwielicht, Ensemble æquatuor (Sylvia Nopper, Sopran; Matthias Arter, Oboe und Englischhorn; Tobias Moster, Cello; Ingrid Karlen, Klavier), Aufnahmen vom Juni 2006 im Radiostudio Zürich. Als Produzenten wirkten Christoph Keller und Claudio Danuser. Musiques Suisses in Koproduktion mit Schweizer Radio DRS 2, MGB CTS-M 102 Bezugsquelle: www.musiques-suisses.ch

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