22.12.2006 — Abenddämmerung auf der Alp. Die Tagesarbeit ist beendet. Der Senn steht auf einer Anhöhe nahe dem Bergkreuz und ruft sein Gebet laut durch den hölzernen Milchtrichter in die Weite. An stillen Tagen hört man seinen archaischen Sprechgesang bis ins Tal. Auch wenn dort die Worte nicht zu verstehen sind, wissen die Hörenden, was gemeint, erbeten und beschworen wird.
Nicht zum Entzücken von Touristen ist dieser Betruf, der «Bättruef» bestimmt; ein persönliches Bedürfnis ists für den Obersenn und ein Auftrag auch der Bauern, die ihm ihr wertvolles Vieh anvertraut haben, die Kühe, die Milch und Käse liefern. Das Rufen des Alpsegens auch bei Regen, Blitz und Wind wird mit einem Laib Käse, dem «Ruefchäs», zuweilen auch mit einem Batzen vergolten.
Die Wurzeln des Betrufs, der in europäischen bäuerlichen Gebieten des Alpenraums lebendig geblieben ist, reichen zurück bis in die Zeit der Kelten. Die Schweizer Musikethnologin Brigitte Bachmann-Geiser, Honorarprofessorin für musikalische Volkskunde an der Universität Freiburg i. Br., forschte in Tonarchiven nach Aufnahmen von Betrufen; eine Auswahl davon ist nun in einem CD-Album publiziert worden.
Keltische Quellen
«Ave Maria! Ave Maria! Ave Maria!» Der Alpsegen, das Sennengebet, an Sommerabenden zu vernehmen in katholischen Gebieten der Schweiz, so in den Kantonen Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern, Appenzell Innerrhoden, St. Gallen, Graubünden, im Oberwallis, ebenfalls im Fürstentum Liechtenstein, ist seit viereinhalb Jahrhunderten nachgewiesen.
Manche Besonderheiten in Texten und Stimmführung aber lassen die Annahme nicht abwegig erscheinen, dass die Anfänge des Brauchs viel weiter zurückliegen, ihre Quellen gespeist wurden von frühem Christentum und gregorianischem Gesang, genährt auch von heidnischen Vorstellungen. Jedenfalls gilt der bis auf den heutigen Tag trotz Niederschriften mündlich tradierte Betruf als älteste Form der Schweizer Volksmusik.
Schutzgebete und Bannrituale gehören zu den Traditionen in den meisten bäuerlichen Kulturen. Die Kräfte der Natur sind nicht zu zähmen, sie gefährden mit Krankheiten, Wettern und Steinschlag die Alpsiedlungen, die dort arbeitenden Menschen und die den Lebensunterhalt sichernden Tiere. Gegen die Übel und Gefahren bittet der Senn mit seinem Bättruef die Helfer im Himmel, «Leib und Seele, Land und Leute, Hab und Gut, Vieh und Alpen» zu schützen.
Die Macht des Klangs: So weit die Stimme trägt, so weit reicht der Bann – eine Vorstellung aus grauer Vorzeit. Um seinen Gesang megaphonartig zu verstärken, bedient sich der Älpler der Folle (Vola), des hölzernen Milchtrichters. Durch dessen schmale untere Öffnung, die mit Tannreisern oder geeigneten Pflanzenteilen zum Sieb hergerichtet wurde, goss man die frisch gemolkene Milch in einen Kessel.
«Swiss Alpine Prayer»
In den Beständen der DRS-Radio-Archive von Bern, Zürich und Basel entdeckte die Berner Musikethnologin Brigitte Bachmann-Geiser jüngst rund fünfzig Aufnahmen verschiedener Alpsegen. Für die CD «Bättruef – Alpsegen – Swiss Alpine Prayer» wählte sie zehn zwischen 1957 und 1978 aufgenommene Betrufe aus den Kantonen Wallis, Uri, Obwalden, Schwyz, Luzern, Graubünden (in Romanisch) und St. Gallen.
Auffallend ist unter anderem, dass einer der beiden Urner Betrufe von einer Frau gesungen wird (der Aufenthalt von Frauen auf der Alp war früher nicht erlaubt) und dass im Sarganserländer Alpsegen noch «die falschen Juden» genannt werden (eine Erwähnung, die seit langem gestrichen ist).
Zwischen den Alpsegen erklingen Herdengeläut, kurze Alphorn- und Büchelstücke, ein Juchzer, ein Zäuerli mit Talerschwingen und eine bündnerische Hirtenweise auf der Gipspfeife, der «schüblöt da marmel».
Hintergründe, Erläuterungen und Literaturangaben zum Thema finden sich im illustrierten Booklet (dt./engl.). Das Album ist ein anregendes und weiteren Forschungen dienendes Dokument einer alten Volkskunst.
Schutz im «goldenen Ring»
Für die Sicherheit der Alp, ihrer Tiere und Bewohner sind neben der Muttergottes und der Dreifaltigkeit Heilige in wechselnder Gruppierung je nach Gegend zuständig: Nährvater Josef, die Evangelisten, Wendelin, Patron der Haustiere, Jakobus und Isidor, Beschützer der Bauern, Georg und Martin, Antonius und Gallus, auch der Schweizer Schutzpatron Niklaus von Flüe.
Der am Tonfall einfacher gregorianischer Gesänge sich orientierende, litaneiartig auf Reperkussionston-Basis psalmodierende Bättruef erfuhr im Text lokale Ausformungen. So wird in der Innerschweiz mittels Anrufung Marias, der Dreifaltigkeit und ausgewählter Heiliger der «goldene Ring» um die Alp beschworen (andernorts der «goldene Graben»), der einen abgeschirmten Schutzbereich umschliesst. Im Oberwallis greift der Alpsegen auf das Johannes-Evangelium zurück («Im Anfang war das Wort …») und preist Christi Erlösungstat.
Im Sarganserländer Alpsegen wird der heilige Petrus angerufen: «…Nümm dy Schlüssel wohl in dyni rächti Hand / und bschlüss wohl uf dem Bären synen Gang, / dem Wolf den Zahn, dem Luchs den Chräuel, / dem Rappen den Schnabel, dem Wurm den Schweif, / dem Stei den Sprung.» Ist es vermessen, hier an die altdeutschen, auf antikes und germanisches Heidentum zurückgehenden Beschwörungs- und Heilszauberformeln des 9./10. Jahrhunderts zu denken, den Wiener Hundesegen, den Lorscher Bienensegen oder Pro Nessia (gegen Würmer in Pferden)?
Wider die bösen Geister
Auf alte Schichten weist auch der Vieh- und Wettersegen hin, die Nennung von «bösen Geistern» und die Scheuchrufe «Ho-ho-ho» zu deren Abwehr (im Alpsegen vom Pilatus). Auf keltische Zeit zurückgeführt wird das Wort Loba (oder Lobä, Liauba, Lioba) für Kuh in verschiedenen Alpsegen.
Die heidnischen Einflüsse waren der christlichen Luzerner Obrigkeit suspekt: Anfang des 17. Jahrhunderts verbot sie den alten Viehruf. Die Sennen wussten sich zu helfen, indem sie das Wort Loba als im Dialekt gleichklingendes loben ausgaben, weiterhin die Kuh meinten, aber gleichzeitig vorschriftskonform Gott lobten.
Der Betruf ist nicht, wie manche andere Äusserung des religiösen Volkstums, am Aussterben; er wird in der Schweiz von jungen Sennen und Hirten weitergeführt aus innerer Überzeugung, aus Respekt vor einem die Generationen über Jahrhunderte verbindenden Brauch. (ws)
«Bättruef – Alpsegen – Swiss Alpine Prayer». Zytglogge Verlag, Oberhofen am Thunersee. (Zytglogge ZYT 4587; 39’). – Auslieferung in Deutschland: BDK Köln, in Österreich: Mohr Morawa Wien.