23.01.2007 — Zur beträchtlichen Schar der Komponisten (ebenso der Dichter), die das Studium der Jurisprudenz in Angriff nahmen, in der Regel ohne es abzuschliessen, gehört auch der 1774 geborene Böhme Václav Jan Tomášek (Wenzel Johann Tomaschek). Früh war sein Klavierspiel aufgefallen, doch blieb er mangels Barschaft Autodidakt. Es spricht für seine enorme Begabung, dass er in den Gebieten Klavierspiel und Musiktheorie, in denen er später ein gesuchter Lehrer war, nie eine professionelle Ausbildung erhalten hatte.
Er begann im jugendlichen Alter zu komponieren, hatte Erfolg mit seinen Klavierstücken und Liedern und widmete sich fortan ganz der Musik. Eine sichere Anstellung fand Tomášek, der 1790 nach Prag gekommen war, 1806: Während 18 Jahren wirkte er als Musiklehrer und Komponist in der Familie des Grafen Georges Buquoy. Nach der Heirat 1824 machte sich Tomášek selbständig und eröffnete eine Musikschule.
Lebhaften Anteil nahm er am kulturellen Leben seiner Zeit und lernte in Prag und auf Reisen Künstler aller Couleur kennen, unter ihnen Mozart, Haydn, Beethoven, Berlioz, Wagner, Robert und Clara Schumann, Paganini, Spohr, Clementi, Goethe, empfing auch manche in seiner Wohnung auf der Prager Kleinseite.
In Privatkonzerten traten Tomášeks beste Schüler auf, darunter Alexander Dreyschock und Julius Schulhoff, Siegmund Goldschmidt und Ignaz Amadeus Tedesco, desgleichen Eduard Hanslick. Václav Jan Tomášek starb 1850, hinterliess ein vielseitiges kompositorisches Œuvre und – ein wichtiges Dokument seines Wirkens und seiner Epoche – eine deutsch geschriebene Autobiografie (1844).
Auf die Zeit beim Grafen Buquoy gehen Tomášeks zwei zwischen 1803 und 1805 geschaffene Klavierkonzerte zurück, in C-Dur op. 18 und in Es-Dur op. 20. Während das Stimmenmaterial des einen Konzerts gedruckt worden war, musste die Partitur des Opus 20 aus zwei autografen Quellen rekonstruiert werden. Beide Werke liegen nun – erstaunlicherweise als Ersteinspielungen – auf CD vor.
Unzweifelhaft standen Haydn und Mozart zu Gevatter, doch besitzen Václav Jan Tomášeks Klavierkonzerte die Vorzüge eigenen Tons und eigener Färbung, fussen formal in der Tradition, öffnen sich aber, emotional kontrolliert, romantischen Ausdrucksbereichen. Einer der Gründe für die Originalität dieser Werke wird im weitgehend autodidaktischen Aneignen der Musik zu suchen sein; letzteres förderte wohl auch das Festhalten an Schusterflecken (häufige Sequenzierung, Akkordbrechungen, aufgelöste stereotype Spielfiguren), besonders im C-Dur-Konzert.
Doch es überwiegen die melodische Phantasie, die Frische der Erfindung, die lyrische Intensität, die virtuose Spielfreude, die Kunst des Variierens und des lustbetonten Spiels mit Motiven und Partikeln, das spannungsvolle Verhältnis zwischen Tasteninstrument mit reich ausgestattetem Part und grossem, differenziert behandeltem Orchester mit schönen Bläsersoli.
Immer wieder fesseln die Abweichungen von der Norm, das Unterlaufen der Erwartung: Der erste Klaviereinsatz erfolgt nicht mit dem Hauptthema, zuweilen wie beiläufig, und Kadenzen fehlen. Ein Bijou ist das Finale des Es-Dur-Werks. So klein, wie sie oft geredet werden, sind nicht alle Kleinmeister …
Sorgfalt im Einzelnen und Brio im Ganzen prägen die bravourösen und werkdienlichen Wiedergaben durch die tschechischen Interpreten. (ws)
Václav Jan Tomášek: Piano Concertos 1 & 2. Ersteinspielungen. Jan Simon, Klavier. Radio-Sinfonieorchester Prag. Leitung: Vladimír Válek. (Supraphon SU 3819-2; 54’), bei Amazon kaufen