27.02.2007 — Ein ungewöhnliche Art, sich mit dem musikalischen Erbe und damit den eigenen ästhetischen Wurzeln zu beschäftigen, hat der in Frankfurt lehrende Komponist Hans Zender entwickelt: Ausdruck und Struktur von Schuberts «Winterreise» eignete er sich statt auf begrifflich-analytische Art dadurch an, dass er das Werk mit dem forschenden und untersuchenden Gestus des zeitgenössischen Komponisten instrumentierte. Mit Hilfe der Methode, die er selber «komponierte Interpretation» nennt, hat er sich 1997 auch Schumanns C-Dur-Phantasie genähert.
Für seine Instrumentierung hat Zender Harmonik und Rhythmik des Werkes nicht angetastet. Allerdings tritt er mit seiner orchestralen «Kolorierung» des Klaviersatzes einen Schritt zurück – oder, wenn man so will, auf eine Metaebene: Statt den Notentext zu verdeutlichen, legt er der Umsetzung das zugrunde, was das Ohr des Hörers tatsächlich erreicht, wenn dieser einem Pianisten lauscht. Dazu gehören eben auch «das prasselnde Nebengeräusch der Klavierhämmer» oder der «schwimmende» Effekt des Pedals, wie Zender in einem Begleittext zum Stück erklärt.
Zu Beginn der komponierten Ausdeutung setzt der Komponist zudem ein Präludium und zwischen die Sätze Interludien, die mit rund um einen statischen Zentralton gebrochenen Klangfragmenten zu kontemplativem Innehalten verleiten. Entfernt erinnert die Form an die Spaziergänge in Mussorgksys «Bilder einer Ausstellung».
Das Resultat ist auch auf CD ein faszinierendes Vexierbild. Auf der Silberscheibe geht allerdings eine nicht unbedeutende Dimension der zenderschen Schumann-Phantasie verloren: Physische Aufführungen werden nämlich auf drei räumlichen Ebenen realisiert: Auf dem Konzertpodium selber findet sich das Orchester, davon deutlich abgesetzt acht Solostreicher, und ausserhalb des Konzertraumes sind weitere Instrumente platziert, die Schumanns Themen «in einen vorgeburtlichen Zustand» zurückverfolgen – was auch immer das heissen soll.
Trotz der im ersten Moment radikal anmutenden Dekonstruktion der romantischen Phantasie kann Zender durchaus als legitimer Erbe einer spätromantischen Tradition dramatisch durchbebter Kunstreligion der eher dunkel gefärbten Art gesehen werden. Explizit Bezug auf die metaphysischen Spiegelungen in der Musik nimmt er mit «Bardo», dem zweiten Stück der CD. Der Titel des ursprünglich für das Musikkollegium Winterthur in Vierteltontechniken geschriebenen Dialoges zwischen Orchester und Solocello referiert auf das Tibetanische Totenbuch («Bardo Thödol», der Originaltitel des Buches ist im Booklet der CD falsch geschrieben). Der hermetische Text vom Dach des Himalaya beschreibt das Reich zwischen Tod und Eingehen in die Ewigkeit, in der die (buddhistische) Seele nach dem physischen Tod des Körpers zunächst weiterwandert.
Die Aufnahmen zu der CD entstanden im Januar und Mai 2005 im Konzerthaus Freiburg, respektive im Hans Rosbaud Studio Baden-Baden. Als Interpreten amten ein hervorragend disponiertes SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, sowie Sylvain Camberling und Hans Zender selber als Dirigenten. Den Cellopart von «Bardo» bestreitet Heinrich Schiff, der schon die Uraufführung des ihm selber gewidmeten Werks realisert hat. (wb)
Hans Zender: Schumann-Phantasie, Bardo for Cello and Orchestra; Heinrich Schiff (Violoncello), SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, Hans Zender, Sylvain Camberling (Leitung), Hänssler Classic, CD 93.128, bei Amazon kaufen