30.03.2007 — Es mag sein, dass die Globalisierung als Gegenreaktion eine Rückbesinnung auf lokale Traditionen verstärkt. Möglich ist auch, dass die Entideologisierung der Kultur frühere Abwehrreflexe gegenüber allem obsolet gemacht hat, was Kulturschaffende in die Nähe von «Volkstümelei» bringen könnte – wie dem auch sei: Die Schweizer Volksmusik, oder was dafür gehalten wird, rückt zusehends ins Interesse des zeitgenössischen Kunstschaffens. In Altdorf hat ein breit abgestütztes «Haus der Volksmusik» seine Tore geöffnet, das Label Musiques Suisses des Migros Kulturpozent plant ein Sublabel für Neue Schweizer Volksmusik, die Musikhochschule Luzern offeriert seit neuestem einen Nachdiplomkurs «Schweizer Volksmusik», die Kulturstiftung Pro Helvetia lanciert mit «echos – Volkskultur für morgen» ein Programm, das zum Dialog von traditioneller Kultur mit zeitgenössischer Kunst auffordert, und einzelne Künstler wie die Jodlerin Nadja Räss, der Schwyzerörgeler Markus Flückiger oder der Klarinettist Dani Häusler entstauben die klingende Folklore der Schweiz.
Aber auch auf wissenschaftlicher Ebene tut sich einiges: Da werden zahlreiche schiefe Legenden und Vorstellungen über die Musik des «Volkes» zurecht gerückt. Auf hervorragende – und überaus unterhaltsame – Art gelingt dies dem Zürcher Musikethnologen Dieter Ringli, der in seinem sorgfältig recherchierten Buch «Schweizer Volksmusik – von den Anfängen um 1800 bis zur Gegenwart» überzeugend darlegt, dass das, was wir heute als «urchige» Ländlermusik betrachten, in Wirklichkeit von geschäftstüchtigen städtischen Unterhaltungsmusikern der Zwischenkriegszeit erfunden worden ist und namhafte Vertreter der ersten Stunde keineswegs die Schweizer Tugenden der Zuverlässigkeit, Pünklichkeit und Sparsamkeit verkörperten, die heute mit der Ländlermusik gerne assoziiert werden möchten.
Die Schlüsselfiguren in der «Erfindung» der urchigen Kapellen ist laut Ringli der aus Wollerau im Kanton Schwyz stammende und ab 1921 beim «Tages Anzeiger» in Zürich als Setzer arbeitende Joseph Stocker, oder «Stocker Sepp» wie er sich, ländlichen Traditionen gemäss, nannte. Für «Stocker Sepp’s 1. Unterwaldner Bauernkapelle», in der weder Unterwalder noch Bauern aufspielten, steckte der Wollerauer Mitmusiker in gestickte Trachtenblusen. Er schuf dabei ein straff organisiertes Franchise-ähnliches Unternehmen, das unter dem gleichen Namen mehrere Kapellen in den Zürcher Lokalen auftreten liess und auch mit variétéähnlichen Elementen sein Publikum zu unterhalten verstand. Kasimier «Kasi» Geisser wiederum, die zweite prägende Persönlichkeit bei der Schaffung dessen, was heute als genuine Folklore betrachtet wird, war ein dem Alkohol und der Schürzenjägerei zugeneigter Leichtfuss.
Aber auch die heute als üblich geltende instrumentale Besetzung von Volksmusikkapellen mit Klarinette, Handörgeli und Kontrabass ist keinswegs älter als rund achtzig Jahre, und speziell die Popularität des Schwyzerörgeli ist mehr ökonomischer als musikalischer Herkunft – ein einzelner Musiker kostete einen Veranstalter halt schon immer deutlich weniger als ein Ensemble. Im 19. Jahrhundert dominierten demgegenüber mit Trompete, anderen Blasinstrumenten oder Streichern besetzte Formationen die ländliche Musik der Schweiz.
Wie diese geklungen haben mag, zeigt die CD «Bauernmusik revisited» der Lucerne Chamber Brass, einer Gruppe aus zwei Trompetern, einem Hornisten, einem Posaunisten und einem Tubaspieler, welche auf historischen Instrumenten Bauernmusik aus der Zeit um 1850, ländliche Tänze von Ferdinand Lötscher (1842-1904) und eigene Arrangements von Schweizer Volksmusik-Klassikern eingespielt haben. Da zu den historischen Vorbildern dieser Art von Musik praktisch keine direkte Zeugnisse vorhanden sind, hat die Gruppe Regeln zu definieren versucht, mit deren Hilfe einerseits der urtümliche Volksmusikcharakter der Stücke bewahrt bleibt, andererseits auch für heutige Ohren interessant gestaltet wird. Laut Booklet einigten sich die Musiker darauf, «eine Anzahl von Parametern und Stilmerkmalen der traditionellen Volksmusik» zu definieren, «von denen in jedem Arrangement höchstens zwanzig Prozent verändert werden durften». Das Resultat ist eine virtuose, unterhaltsame und teils witzige Reverenz an die eigenen kulturellen Wurzeln.
Wesentliche Impulse des gestiegenen Interesses an der nationalen Folklore sind dem Komponisten und Cellisten Fabian Müller zu verdanken, der von 1991 bis 2002 mit der Bearbeitung der «Sammlung Hanny Christen» einen Meilenstein der Schweizer Volksmusikforschung verantwortete und bis vor einem Jahr den Verlag Muelirad leitete, welcher den Forschungen auf dem Gebiet als publizistisches Gravitationszentrum dient. Als Cellist beteiligte er sich am Aufbau eines Projektes für Neue Originale Appenzeller Streichmusik und an der Gruppe Tritonus, welche die ganz alten Schweizer Volksweisen und -bräuche wieder zum Leben erweckt.
Das kompositorische Werk des Kosmopoliten Müller dokumentiert einmal mehr eine CD aus der Reihe Musiques Suisses – mit Aufnahmen eines Klavierkonzertes durch den Pianisten Adrian Oetiker, «Labyrinth» für Streichorchester, einer Suite für Cello und Orchester und «Lied des Einsamen – Hommage für Dag Hammarskjöld» für Alt-Saxophon und Streichorchester mit dem Solisten Harry White. Das Zürcher Kammerorchester steht dabei unter der Leitung von Ruben Gazarian.
Der mit der renommierten taiwanischen Cellistin Pi-Chin Chien – sie bestreitet auch den Cellopart der CD – verheiratete Müller findet seine Inspirationen vorzugsweise in Schweden, Venedig oder im Vorarlberg – scheinbar unberührt von seiner Beschäftigung mit der Schweizer Volksmusik. Seine eigene elegische Tonsprache wirkt undoktrinär-modern und zeichnet sich durch subtilen, aber auch kraftvollen Umgang mit den Orchesterfarben aus, die – wenn schon nach nationalen Vorbildern gesucht werden muss – ihre Wurzeln eher in der neoklassizistischen Tradition eines Willy Burkhard, Othmar Schoeck, Frank Martin oder Arthur Honegger finden dürfte, als in folkloristischer Anbiederei. (wb)
Dieter Ringli: Schweizer Volksmusik – von den Anfängen bis zur Gegenwart, Mülirad-Verlag Altdorft, Nr. 3002, ISBN 3-033-00826-7, 48 Fr., zu beziehen unter: www.muelirad.ch
Lucerne Chamber Brass: Bauernmusik revisited, Musiques Suisses, MGB CD 6250
Fabian Müller: Klavierkonzert, Labyrinth, Suite für Violoncello und Streichorchester, Lied des Einsamen, Musiques Suisses, MGB CD 6249.
Bezugsquelle für die CDs: www-musiques-suisses.ch