06.04.2007 — Als Siebzigjähriger stand er urplötzlich im internationalen Rampenlicht, der kubanische Sänger Ibrahim Ferrer. Das letzte Album des Altmeisters, «Mi Sueño», ist eine Bilanz der nostalgischen Kunst des grossen Bolero-Barden.
Leben ist lieben, leiden an der Liebe, der unbeständigen, immer neu beschwörten. Amor, corazón, alma – Liebe, Herz, Seele – sind Schlüsselwörter des kubanischen Bolero, in seiner Grundstimmung schwingt ilusión und desilusión; das einzig Beständige ist inconstancia, das Unbeständige, Vergängliche.
Der bluesige Bolero der Karibikinsel treibt sich herum in der emotionalen Gegenwelt der überschäumend vitalen, humorvollen, mit erotischen Anspielungen gepfefferten Sones, Guajiras und Criollas. Sein Element ist der Herzschmerz, der öffentlich gemachte und hingebungsvoll zelebrierte. Wenn Ibrahim Ferrer, einer der Frontmänner des Buena Vista Social Club, von enttäuschter Liebe singt, von untreuen Freundinnen (Selbstzweifel waren noch nie des Machos Stärke), wenn Ibrahim Ferrer mit dem Schmelz seines hellen Baritons von Trennung und Sehnsucht, von Verrat, Klage und Vergessen kündet, naht die Dämmerung. Verlorene Liebe, sinnleeres Leben.
Liebe und Musik, für Ibrahim Ferrer, den 1927 bei Santiago de Cuba geborenen sanften Sänger, waren sie unzertrennliche Geschwister. Seine Mutter starb, als er zwölf war, er schlug sich durch mit Gelegenheitsarbeiten. Und mit Singen. In den Vierzigerjahren wurde er landesweit bekannt, gehörte aber nie zu den Stars der ersten Reihe. Verbittert brach Ferrer 1991 seine Karriere ab.
Wie viele andere damals Vergessene der alten Garde kubanischer Musiker wurde er 1997 als Mitglied des Buena Vista Social Club ins Rampenlicht gezerrt und weltberühmt. Knapp ein Jahrzehnt noch konnte der Balladen-Meister sein Publikum auf den Podien vieler Länder entzücken – 2000 erhielt der 73-Jährige den Latino Grammy als «Bester Nachwuchskünstler», ein Zeichen für die Frische und Unmittelbarkeit seines Gesangs. Fünf Jahre später, kurz nach der Rückkehr von einer Europa-Tournee, starb Ferrer in Havanna.
Sein Solodebüt hatte er 1999 gegeben mit dem Album «Buena Vista Social Club presents Ibrahim Ferrer». Dann löste er sich aus Ry Cooders Banden, legte «Buenos Hermanos» vor (2003; ausserdem ist seine Stimme auf einigen Kompilationen zu hören) und erträumte sich als nächstes Album eine Homenaje an den Bolero, den authentischen, ohne Kompromisse einzugehen mit dem polierten Mainstream, ohne ein Grossaufgebot an Musikern und Chorvokalisten. Nun liegt es vor, Ibrahim Ferrers Abschiedsalbum, «Mi Sueño» (Mein Traum).
Ein romantischer Träumer mit jungem Herzen ist er, der alte Mann mit der Schirmmütze, verfallen der Liebe mit ihren süssen und bitteren Geheimnissen, Emotionen und Visionen, und sie beschwörend mit traumwandlerischem Können verwandelt er mit milder Diktion, über den Zwängen des Metrums schwebender Stimme, mit seiner unaufdringlichen Kunst der Improvisation in Wort und Melodie Klassiker wie «Dos almas», «Si te contara», «Convergencia», «Quiéreme mucho», «Perfidia» und «Alma libre» in vielfarbige Boleros von sinnlicher Vitalität.
Etwas rauchiger geworden ist sein Bariton, doch hat er nichts verloren an Intensität, Ausstrahlung und Wandlungsfähigkeit. Wer sonst vermöchte in «Deuda» den Schluss «las penas de una cruel desilusión» (die Schmerzen einer grausamen Enttäuschung) an die zwei Dutzend Mal mit wechselnder Empfindung und in immer neuer Färbung so faszinierend zu repetieren als Ibrahim Ferrer?
Seine opulenten Gefühle entfaltet er hier in intimem Rahmen, und er wird gleichen Sinnes unterstützt durch zwanzig Instrumentalisten in unterschiedlicher Gruppierung, darunter solche mit illustren Namen (Roberto Fonseca und Rubén González, Manuel Galbán, Manuel Guajiro Mirabal, Amadito Valdés). Und als legendäre weibliche Stimme ist Omara Portuondo im dritten Bolero-Duo mit Ibrahim Ferrer nach «Dos gardenias» (1997) und «Silencio» (1999) zu hören: «Quizás» (Vielleicht). Kann Liebesleid schöner sein? (ws)
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