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Bibers Rosenkranz-Sonaten

22.05.2007 — In seiner Jugend galt er als Bohemien, bald aber als einer der bedeutendsten Geigenvirtuosen nördlich der Alpen, berühmt an europäischen Höfen, als der grösste des 17. Jahrhunderts (so das Urteil des englischen Musik-Historikers Charles Burney im späten 18. Jahrhundert), trotz Violinkoryphäen wie Georg Pisendel, Johann Heinrich Schmelzer, Johann Jakob Walther, Johann Paul von Westhoff.

Heinrich Ignaz Franz Biber, geboren in Böhmen gegen Ende des Dreissigjährigen Kriegs 1644, gestorben 1704 als Hauptkapellmeister in Diensten des Erzbischofs in Salzburg, komponierte Musik zu Dramen, natürlich Sakrales wie Vespern, Messen und Litaneien, Kammermusik, auch Opern. Manches davon ist ungedruckt geblieben, etliches verschollen. Was hin und wieder aufgeführt wird, unterstreicht Bibers Rang als ein Meister des musikalischen Barocks in Salzburg. (Sein Sohn Karl Heinrich, ebenfalls Hauptkapellmeister, war dann Vorgesetzter von Leopold Mozart, der seinen Sohn Wolfgang Amadé mit Kompositionen Vater Bibers vertraut machte.)

Bedeutend geblieben ist Biber in der Geschichte des Violinspiels, das er, ehedem wahrscheinlich Schüler Schmelzers, in spezifisch deutscher Tradition weiter entwickelte, bis zur 7. Lage trieb und unter Beihilfe der Skordatur mit Doppel- und Mehrfachgriffen durchsetzte. Die aus dem Lautenspiel übernommene Scordatura – das Umstimmen der Saiten – erlaubt Griffe, die in der üblichen Quintenstimmung nicht zu realisieren sind, erweitert den Tonumfang, ermöglicht neue Bogenführung, neue Klangeffekte (Akkordspiel, Arpeggien, Resonanz der leeren Saite) und gesteigerte Brillanz. Die entsprechende Notierungsweise ist der Tabulaturschrift verwandt.

In den «XV Sacra Mysteria», Bibers herausragendem Opus für Violine und Basso continuo, verwendet er 14 verschiedene Skordaturen – jede Sonate hat ihre eigene Stimmung, ihren eigenen Klang- und Ausdruckscharakter. Für den Interpreten stellen sich ungewohnte Aufgaben, die Maya Homburger im Booklet zu ihrer Gesamteinspielung umreisst: «Die Scordatur selbst versetzt uns in eine andere Welt. Es ist nicht mehr möglich, mit den ,normalen’ Instinkten zu spielen – simple Mechanismen, die man seit der Kindheit eingeübt hat, muss man auf den Kopf stellen. Das Notenbild hat oft keine Relation zum Gehörten mehr (da man ja eine Griffschrift interpretiert und nicht die Noten sieht, die man hört). Die immense intellektuelle Anstrengung, die dies erfordert, zusammen mit dem überwältigenden emotionalen Affekt, der von Sonate zu Sonate dramatisch wechselt, führt zu einer fast tranceartigen Loslösung vom Ich und vom so genannt Geigerischen, Virtuosen.»

Das Opus umfasst 15 ein- bis viersätzige Sonaten, gegliedert in Die fünf freudenreichen Geheimnisse oder Mysterien (Inkarnation und Jugend Jesu), Die fünf schmerzensreichen Mysterien (Passion und Tod Christi) und Die fünf glorreichen Mysterien (Auferstehung Jesu und Mariae Himmelfahrt), und schliesst mit einer Passacaglia für Violine solo zum Fest des Schutzengels.

Die zwischen 1670 und 1680 komponierten Sonaten erklangen vermutlich im Rahmen der Rosenkranz-Andachten in Salzburg im Oktober als musikalische Meditationen in der Tradition des katholischen Mystizismus. Obwohl sich der spirituelle Gehalt auf bildhaft eindrückliche Ereignisse des Neuen Testaments bezieht, steht das Klangwerk programmatischen Szene-Schilderungen fern, wie sie dann exemplarisch etwa Johann Kuhnau realisiert hat in seiner Sammlung «Musikalische Vorstellung einiger biblischer Historien» (1700; «da sonarsi sul’Organo, Clavicemb. et altri Stromenti semiglianti»).

Der Gefahr eines durch die Basso-continuo-Stütze von Orgel (oder Cembalo) und Gambe geschaffenen uniform anmutenden Klangbilds begegnet die vorliegende Einspielung, indem die Interpreten die Fülle der Emotionen und atmosphärischen Gestimmtheiten umsetzen mit einer variationsreichen Ausgestaltung des Basso continuo. Neben Orgel und Cembalo finden Viola da gamba, Harfe, Theorbe und Kontrabass Verwendung, die – mal solo (Bass in der Sonata X, «Die Kreuzigung»), mal in wechselnden Kombinationen – einen an Farben facettenreichen Klangraum bereiten, in dem sich die Geige entfaltet.

Grossräumigkeit, musikantischer Elan, kraftvolle Artikulation und Rhetorik, improvisatorischer Gestus, Sinnlichkeit, Askese und visionäre Ausstrahlung: Die Schweizer Violinistin Maya Homburger – sie spielt auf sechs verschiedenen Barockgeigen – und ihre Partner der Camerata Kilkenny aus Irland beweisen in dieser exemplarischen Aufnahme neben unanfechtbarer technischer Souveränität ein Höchstmass an Gestaltungs- und Überzeugungskraft, die reife Frucht langjähriger intensiver Auseinandersetzung mit Bibers Opus magnum des Violinspiels und der Komposition. (ws)

Heinrich Ignaz Franz Biber: The Mystery Sonatas – Die Rosenkranz-Sonaten. Gesamteinspielung. Maya Homburger, Barockvioline. Camerata Kilkenny: Siobhán Armstrong, Harfe; Sarah Cunningham, Gambe; Brian Feehan, Theorbe; Malcolm Proud, Orgel und Cembalo; Barry Guy, Kontrabass. (Maya Recordings MCD 0603; 2 CDs; 128’), www.mayarecordings.com

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