09.07.2007 — Musiques Suisses, das Label des Migros Kulturprozents «zur Förderung des Schweizerischen Musiklebens in seiner Vielfalt und Gegensätzlichkeit» hat gleich eine ganze Reihe von CD herausgebracht, die der einheimischen Musik für ein einzelnes Instrument gewidmet ist – und dies quer durch die Jahrhunderte. Dabei werden die typischen Soloinstrumente Orgel und Gitarre ebenso abgedeckt wie Blockflöten, Klarinette und Tuba.
Echte Trouvaillen finden sich auf der Silberscheibe mit «Aargauer Orgelmusik im 20. Jahrhundert». Es handelt sich dabei um eine Jubiläumsproduktion zum hundertjährigen Bestehen der Aargauer Kirchenmusikverbände (der katholische und der evangelische wurden am gleichen Tag, am 25. April 2007, an verschiedenen Orten gegründet). Tobias Willi, Marlène Flammer und Jonas Herzog spielen auf der Kuhn-Orgel der katholischen Kirche Peter und Paul in Aarau und ihrem Gegenpart von Metzler in der reformierten Stadtkirche Zofingen Werke von Werner Wehrli, Hermann Suter, Ernst Widmer, Walter Müller von Kulm, Robert Blum, Josef Kost und Raphael Staubli. Sie zeichnet im Rahmen einer gemässigten Moderne allesamt hohes satztechnisches Vermögen und gefälliger Einfallsreichtum aus. Am weitesten vor wagt sich der jüngste im Bunde, der 1959 geborene Staubli, der auch das tonlose Atmen des Instrumentes in seine Klangwelten einbezieht und möglicherweise an der experimentellen Orgel von Daniel Glaus (siehe den Codex-flores-Bericht) Gefallen finden könnte.
Gitarrenlieder aus der Schweiz bietet die CD «Les Délices de la Suisse», die der Gitarrist Christoph Jäggin gemeinsam mit der Sopranistin Asako Motojima und dem Tenor Tino Brütsch eingespielt hat. Auch auf ihr findet sich eine Komposition des nach Salvador de Bahia ausgewanderten Schweizers Ernst Widmer, und zwar eine Vertonung von Gedichten Federico Garcia Lorcas. Daneben entfaltet Bruno Zahner die poetischen Welten Verlaines, und Jürg Wyttenbach wagt sich klanglich in radikale Richtungen mit Miniaturen, welche sich 17 17-silbigen Kurzgedichten, sogenannten Haikus, annimmt. Geklammert werden die Beiträge aus dem 20. Jahrhundert von den Gitarrenliedern Ferdinand F. Hubers (1791-1863), darunter das populäre Abendlied der Wehrliknaben in Hofwil («Luaged vo Bärg und Thal»), das für einmal mit originalem Gitarrensatz zu hören ist.
Wie modern und interessant selbst traditionelle Schweizer Kuhreien klingen können, beweist das ensemble diferencias (Samira El Ghatta, Helma Franssen, Urs Haenggli, Conrad Steinmann, Blockflöten), das überlieferte Formen wie Carillons – Melodien für Glockenspiel –, Ranz de Vaches, Appenzeller «Kureien» und eine «Diminution über das Guggisberglied» mit modernen Werken aus den Federn von Rudolf Kelterborn und Roland Moser kombiniert. Aber auch der Naturjodel inspiriert die Instrumentalisten. Ihm spüren sie in einem «alten Muotathaler» mit gabelgrifflosen Fingersätzen und Überblastechniken nach, welche dem Alphorn- und Büchelspiel abgeschaut worden sind. Verfremdet überdies perkussives Atmen die Kuhrufe aus dem Wallis und der Innerschweiz, entwirft Kelterborn mit seinen «Spektren» eine faszinierende Art Musique spectrales, die das Blockflötenquartett zur Skizze von spannungsreicher und sensibler Klanglandschaften nutzt – elektronische Musik mit den Mitteln einfacher Längsflöten. Auf die Carillons zurück verweisen die Interpretationen des Quartetts von Roland Mosers, vier kurzen Stücken, die für die 3. Internationalen Tage für Neue Blockflötenmusik vom Oktober 2001 in Basel und Kairo zusammengetragen worden sind. Sie reduzieren das Spiel auf einen Ton pro Spieler. Ein irisierendes Wechselspiel, aus dem ein ungewöhnlicher Dialog entsteht.
In Sachen konsequentem Ausschöpfen von Spieltechniken und zeitgenössischer Ästhetik wagt sich der überaus virtuose Klarinettist Fabio di Càsola am weitesten vor. Schon das 1935 entstandene halsbrecherische Werk «Prélude et Fugue sur le nom de Bach» von René Gerber zeigt den Willen, die Grenzen des Instrumentes nicht nur zu erreichen, sondern zu überschreiten. Der Auftraggeber hielt es für unspielbar, und heute wird es gerne als Wettbewerbsstück genutzt. Mit Hans Ulrich Lehmanns «Mosaik» – laut Di Càsola ein Schlüsselwerk für die Erweiterung der Klarinettensololiteratur des 20. Jahrhunderts – finden die modernen Doppelblas-, Perkussions- und Geräuschtechniken endgültig zur Anerkennung, und Michael Jarrells «Assonance» rekurriert sogar explizit auf die Musikauffassung von Luciano Berios «Sequenze». Daneben finden sich auf der CD «Musica per clarinetto solo» David Philipp Heftis «O, star!», zum der bereits eine Aufnahme von Valentin Wandeler vorliegt (siehe Rezension), und Werke von Pietro Damiani, Mario Pagliarani, Gion Antoni Derungs und dem einzigen nicht schweizerischen Komponisten, nämlich André Jolivet. Dessen «Ascèses» zeugen von der französischen Avantgarde der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts jenseits von Neoklassizismus und Serialismus.
Kaum existent ist Sololiteratur für ein Instrument, dessen Bestimmung es ist, den Orchesterklang im tiefsten Register einzufärben und zu stützen, dazu ist die Tuba geschaffen worden, mehr will das Instrument im Grunde genommen nicht. So ist denn das erste Solowerk für das in jeder Hinsicht gewichtige Riesenhorn erst im Jahr 1955 geschrieben worden. Die «Sonate für Basstuba und Klavier» von Paul Hindemith entstand im Alterssitz in Blonay und kompensiert den Mangel des Instrumentes an Tonumfang und Klangdifferenzierung mit rhythmischen Spielereien wie Polymetrik und anderen rhythmischen Vertracktheiten. Daneben sind in den letzten Jahrzehnten gerade von Schweizer Tonschöpfern einige Beiträge zum Solorepertoire der Tuba entstanden. Unter den jüngeren Komponisten hat sich der 1961 geborene Daniel Schnyder dem Bassregister angenommen. Seine für Tuba freigegebene Sonate für Bassposaune ist in dem ihm typischen Konglomerat verschiedenster Stile – von Klassik über Jazz, Blues und Klezmer – verfasst. Die CD des Welschschweizer Tubaspielers David LeClair ergänzt diese Originalwerke mit einem weiteren, «Hors-d’Œuvre» von Cyrill Schürch sowie «Dinardzade» und «Danse païennes» des 1968 im Wallis geborenen Eddy Debons. Gerahmt werden diese Werke von mehreren Kompositionen aus der Feder LeClairs selber. Als Begleiterin am Klavier steht LeClair Nadia Carboni zur Seite. (wb)
Aargauer Orgelmusik im 20. Jahrhundert, Werke von Wehrli, Suter, Widmer, Müller von Kulm, Blum, Kost und Staubli. Tobias Willi, Marlène Flammer, Jonas Herzog (Orgeln), MGB CD 6253.
Les Délices de la Suisse, Gitarrenlieder aus der Schweiz, Werke von Huber, Zahner und Wyttenbach. Asako Motojima (Sopran), Tino Brütsch (Tenor), Christoph Jäggin (Gitarre), MGB CD 6255.
Swiss Made, Altes und Neues für Blockflöten, ensemble diferencias (Samira El Ghatta, Helma Franssen, Urs Haenggli, Conrad Steinmann), MGB CD 6254.
Fabio di Càsola, Musica per clarinetto solo, Werke von Damiani, Lehmann, Jarrell, Hefti, Gerber, Pagliarani, Derungs und Jolivet, MGB CTS-M 103.
David LeClair, Musik für Tuba aus der Schweiz, Werke von LeClair, Debons, Schnyder, Hindemith und Schürch, MGB CTS-M 104.
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