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Neue und alte Klänge am Ländlermusikfest

05.09.2007 — Dass Volkmusik heute anders bewertet wird als noch vor zehn, zwanzig Jahren, dokumentiert die offizielle Fest-CD des 10. Eidgenössischen Ländlermusikfests (ELMF) Stans 2007, die in zweifacher Hinsicht zunehmende Dynamik und einen höchst erfreulichen Dialog zwischen bewahrenden und erneuernden Kräften hörbar macht. In einem ersten historischen Teil ist nichts von nationalistischer Legendenbildung und Volkstümelei zu spüren. Vielmehr wird auf lebendige Art der Weg nachgezeichnet, den die Volksmusik von den Bläser- und Salonformationen des 19. Jahrhunderts über den Handörgeliboom und das Saxophon samt Foxtrott bis zu der Erstarrung in den Bünder und Innerschweizer «Standardformationen» mit zwei Klarinetten, Schwyzerörgeli und Kontrabass, respektive Klarinette oder Saxophon, Akkordeon, Kontrabass und Klavier gegangen ist. Damit ist die Silberscheibe auch eine ideale Ergänzung zu Dieter Ringlis Buch «Schweizer Volksmusik – von den Anfängen bis zur Gegenwart» (siehe Codex-flores-Rezension), dessen Autor zum Booklet auch einen sehr informativen Text beigesteuert hat.

Im zweiten Teil präsentiert die CD eine Reihe von Ansätzen, die Schweizer Volksmusik weiter zu bringen. Dies unternimmt eine ganze Reihe vorwiegend – aber nicht nur! – junger Musiker, die sich von Musikformen anderer Länder und Kontinente sowie von Formen des Tonsatzes inspirieren lässt, die eher einer urbanen Tradition der Kunstmusik abgehört sind. So hat etwa der tief in der Innerschweizer Volksmusikszene verwurzelte Willi Valotti ein Stück geschrieben, das den nicht minder traditionsverhafteten Alderbuebe erlaubt, ein faszinierendes, fliessend von Astor Piazzollas Tango Nuevo in die Welten der ungarischen Czardas wechselndes Klanguniversum zu entfalten. Die spritzigen jungen Ausnahmekönner Reto Grab und Markus Flückiger präsentieren mit dem Pianisten Reto Kamer und dem Bassisten Sepp Huber eine Instrumentenkombination, die manchen Anhänger der offiziellen Ländlermusik-Doktrin der Nachkriegszeit wohl leer schlucken lässt. In einer Variante, in welcher der Klarinettist Dani Häusler Reto Grab ersetzt, steuert die Nachwuchsformation als «Hujässler» einen in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich schrägen Schottisch bei.

Nicht minder originell sind die Klangwelten von Ils Fränzlis da Tschlin und der Hanneli-Musig, beides Formationen, die mit ihren Namen an markante historische Figuren der Szene anknüpfen, in ihrem Spiel aber auch eine grosse Vertrautheit mit der klassischen Musik verraten. Weitere erfrischende Beiträge stammen von der Niinermuisig Sarnen – einer Kernformation der Feldmusik Sarnen –, den Swiss Ländler Gamblers, der Gruppe Heirassa Revival um Willi Valotti sowie die Gruppe Chlepfshit.

Die Innovationen der Gruppen bevölkern die urchigen Tanzboden-Klänge mit frechen klanglichen Kontrasten, schiefer Melodik und schrägen Harmonien, unsymmetrischen Metren und überraschenden Wendungen, welche die Formsprache der Stile auf erfrischende Art erweitern, aber (noch) etwas von der kernigen und organisch in sich ruhenden Geschlossenheit der traditionellen Kompositionen entfernt sind. Manch ein altgedienter Volksmusikant mag sie deshalb zum Teil als Kopfgeburten empfinden. Dabei darf aber – wie das erwähnte Buch Ringlis lebhaft aufzeigt – nicht vergessen werden, dass frühere Innovationen der Volksmusik durchaus auch das Resultat gedanklicher Tüftelei dargestellt haben und sich erst über die Jahrzehnte zur natürlich und stimmig wirkenden Form abgeschliffen haben. (wb)

Schweizer Volksmusik im Wandel der Zeit, offizielle Fest-CD des ELMF Stans 07, Musiques Suisses, MGB-NV 1.

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