19.12.2007 — Nicht alle Reisenden sind auch Entdecker. Bei Albert Bolliger, dem Zürcher Orgelkundigen, gehen das Reisen und das Entdecken Hand in Hand. Denn auf seinen Wegen durch die Schweiz, Deutschland, Österreich, Frankreich und Dänemark bringt er auf den Instrumenten, grossen und kleinen, berühmteren und wenig bekannten, zeitgemässe Werke zum Erklingen, die er abseits des gängigen Repertoires ausgegraben hat.
In seinem 1990 gegründeten Sinus-Verlag stellte Bolliger bisher an die siebzig historische Orgeln auf über zwei Dutzend CDs vor. Die jüngste Produktion dokumentiert in brillantem Klang und reichhaltig farbig illustriertem, gründlich informierendem Booklet (dt., frz., engl.) acht Instrumente aus der Innerschweiz: die Chororgeln der Engelberger Klosterkirche (Goll, 1902), der Pfarrkirchen St. Peter und Paul in Sarnen (anonym, um 1600) und in Bürglen (V. F. Bossard, um 1769), der Luzerner Franziskanerkirche (anonym, um 1650) und der Pfarrkirche St. Mauritius von Ruswil (R. Schmidli, 1796), dazu die Evangelienorgel der Stiftskirche St. Michael von Beromünster (Chr. Albrecht, 1692), das Orgelwerk des Klösterlis St. Joseph im Loo von Schwyz (anonym, vor 1650) und – ein Kleinod – das Tischpositiv Ab Yberg (Schwyz, anonym, Ende 16. Jh.), eine der ältesten erhaltenen Orgeln der Schweiz, aufbewahrt im Historischen Museum Basel.
Die vielfältigen Möglichkeiten der Registerwahl vom einfachen 4-Fuss bis zum opulenten Plenum lotet Albert Bolliger aus in aparten sakralen oder profanen Stücken aus dem 16. bis zum 19. Jahrhundert. Entdeckungen bieten sich zuhauf: von Liszt, Reger oder Theodor Kirchner, aus Innerschweizer Tabulaturen des 16. Jahrhunderts, aus dem Manuskript der Susanne van Soldt von 1599, aus Sammlungen von Froberger, Erbach, Rathgeber und Krebs. Den Ausdruck der Kompositionen und den Charakter eines jeden Instruments bringt Bolliger mit akkurater Artikulation, klanglicher Transparenz und improvisatorisch anmutender Spielfreude zu harmonischer Übereinstimmung. (ws)
Historische Orgeln der Schweiz Vol. 10. Zentralschweiz. Albert Bolliger. (Sinus 6010; 67’)