31.12.2007 — David Philip Hefti gehört zweifelsohne zu den grossen Talenten der jüngeren Schweizer Komponistengeneration. Er hat mit hoch expressiven Werken auf sich aufmerksam gemacht, die an Traditionen der Zweiten Wiener Schule und quer durch die Schulen beliebte Zahlen- und Wortspekulationen anknüpfen (siehe Rezension). Auch die auf der CD «Tenet» versammelten Werke reihen sich hier ein. «O, star! II» für Saxophon solo (Lars Miekusch) kreist einmal mehr um den Sator-Zyklus des Zürcher Rihm-Schülers. «Schattenklang» für Klavier (Oliver Schnyder) kann laut eigenen Angaben Heftis als eine Art Schatten von Mozarts Adagio in h-Moll KV 540 angesehen werden. Die Idee, eine Art Negativ eines klassischen Werkes zu entwerfen, erinnert entfernt an Heinz Holligers fünf Stücke für Orgel und Tonband aus dem Jahr 1980 (siehe Rezension), die ebenfalls ein Spiel aus Matrix und «Negativabdruck» darstellen. Mit Holliger teilt Hefti ja auch den Hang zum spielerisch-spekulativen Umgang mit dem Tonmaterial.
Wie die Solowerke ist auch das Duo «Mondschatten» für Violine und Marimba ein hochvirtuoses, den Ausführenden Rahel Cunz (Geige) und Jacqueline Ott (Marimaba) auf den Leib geschriebenes Kleinod, das die ungewöhnliche Instrumentenkombination in verblüffende klangliche und dynamische Regionen führt. Das in pädagogischer Absicht − für ein Musik-Pädagogik-Seminar in Zürich − entstandene Duo «Miroirs» für Klavier und Violine fällt etwas aus diesem Rahmen. Es zeigt Hefti als geschickt agierenden Verfasser von ruhig fliessenden Dialogen, die eher an Minimal Music als den ihm sonst naheliegenden musikalischen Expressionismus gemahnt.
Das Herzstück der CD ist aber zweifelsohne «Tenet», das Hefti als dritten Teil seines fünfteiligen Sator-Zyklus‘ ausweist. Es handelt sich um einen Liederzyklus für Sopran (eine brillante Sylvia Nopper) und Ensemble (Zürcher Kammerensemble unter Leitung des Komponisten). «Tenet» ist im Auftrag der Schweizer Thyll-Dürr-Stiftung für das brasilianische Ensemble Mentemanuque geschrieben worden und ist ein echter Wurf. Der Zyklus überzeugt sowohl dank hoher formaler Geschlossenheit als auch der Meisterschaft in der klanglichen Umsetzung der zugrunde liegenden Gedichte Else Lasker-Schülers. Zahlreiche orchestrale Farben erweitern den expressiven Orchesterklang in die Extreme von Dynamik, Tonumfang und Klanglichkeit. Letztere scheint phasenweise Assoziationen an elektroakustische Musik oder die Musique Spectrale Gérard Griseys zu wecken und von der Singstimme als eine Art Cantus firmus zu einem stimmigen Ganzen gefasst zu werden. (cf)
David Philip Hefti: Tenet / Schattenklang / Mondschatten / O, star! II /Miroirs. Mit Rahel Cunz, Lars Miekusch, Sylvia Nopper, Jacqueline Ott, Oliver Schnyder, Stefan Tönz, Zürcher Kammerensemble, David Philip Hefti (Leitung), Aufnahmen vom April und Oktober 2006 im Radiostudio Zürich, Telos Music Records TLS 126, Bezugsquelle: www.davidphiliphefti.com