11.03.2008 — Felix Profos gehört mit knapp vierzig Jahren zur Generation von Komponisten, deren kreativer Weg zum Hochseilakt geworden ist – zwischen ideologischen Zwängen der europäischen Avantgarde und postmodernem Anything goes. Der Schüler von Roland Moser und Vladimir Tarnopolski − er unterrichtet heute selber an der Hochschule der Künste Zürich Komposition und Neue Musik − bewegt sich mit den Werken der Porträt-CD denn auch zwischen dem Spiel mit subtiler Innengestaltung eines gefrorenen Klanges − einem typischen Ausläufer der seriellen Schule − und ironischen medienübergreifenden Performance-Elementen.
Letzteres kann, wie im Orchesterwerk «Zwang» ins Schrille und Groteske umkippen. Das Stück, das ursprünglich vom Musikkollegium Winterthur uraufgeführt worden ist und dabei «zu einem kleinen Skandal» geführt hat, wird hier von der Süddeutschen Philharmonie Konstanz unter der Leitung von Marc Kissóczy zum besten gegeben und wirkt, wie wenn Ravels «Bolero» durch den Fleischwolf gedreht worden wäre. Möglicherweise versteht Profos die Demontage auch als eine moderne Form von Mozarts «musikalischem Spass», wirkt sie doch mit ihrem unablässigen Fortissimo und den undifferenzierten Melodie- und Rhythmus-Collagen wie die ungelenken Versuche von Hobbykomponisten, die am Computer Orchester-Samples zusammenpasten. Ein realexistierendes Orchester kann eine solche Partitur nur zum wahnwitzigen Parcours machen und dabei die musikalische Oberflächlichkeit derartiger Stümpereien demaskieren.
Die anderen Kompositionen wirken auf den ersten Hinhorcher ruhig und statisch. Sie verfügen aber über ein reichhaltiges, subtiles, streckenweise verstörendes Innenleben. Letzteres gilt vor allem für «Come to Daddy», das Teil einer Installation ist: Eine «Babypuppe aus Plastik mit grossem Kopfhörer» wird dabei «von einem Fernsehgerät verschiedenfarbig angeleuchtet». Die Musik klingt im Kopfhörer überlaut und ist für das Publikum gerade noch hörbar. Scheppernden Schlagzeugklängen ab Band stehen dabei statische Akkorde eines Keyboards («synthetischer aber poetischer Klang mit präzisem Attack und ohne Nachhall») sowie eine ständig variierte Sechzehntel-Anakrusis einer vibrato- und espressivolosen Solovioline gegenüber.
Noch mehr in den Klang kriecht Profos mit «force majeur» für Kammerensemble, das einem praktisch unbeweglichen Ton ein subtil pulsierendes und rotierendes rhythmisches Innenleben verleiht. Den Instrumentalisten werden dabei synkopierte und punktierte Quintuolen und ähnliche rhythmische Grenzerfahrungen zugemutet. Sie sollen laut Aussagen des Komponisten von einem Blick aus dem Fenster inspiriert sein – und von den rhythmischen Mustern, welche Bewegungen von vorbeifahrenden Autos und wiegenden Ästen erzeugen.
Dass «Pink Chips» für Klavier und Soundtrack ausgerechnet die John-Cage-Dauer von 4’33“ hat, dürfte wohl kaum Zufall sein, nicht zuletzt, da Profos es selber als frühen Versuch wertet, «von einem Stil loszukommen, der im allgemeinen als avantgardistisch angesehen wurde». Es verwendet «bekannte Idiome, um deren Vokabular» nach eigenen Wünschen umzugruppieren. In «Pai» für zwei Klaviere, Keyboards und Soundtrack wiederum treten musikalische Gestalten zugunsten eines von diskreten Tonfragmenten durchsetzten Geräuschhintergrundes zurück.
Von der Webseite des Komponisten lassen sich die Partituren von «Come to Daddy», «force majeur» und «Zwang» in PDF-Format herunterladen. Ihr Studium iillustriert den Wandel, den das Verhältnis zwischen Musik und Notation mit der Einführung computergestützter Notenerzeugung durchgemacht hat. Die feinen Veränderungen, die den Werken Innenspannung verleihen, zeigen sich vor allem in komplexen metrischen und rhythmischen Valeurs, wohingegen Dynamik, Artikulation, Phrasierung und verbale Spielanweisungen nur sehr rudimentär vorhanden sind.
Was für ein Unterschied, wenn man ihnen als Gegenentwurf zum Beispiel die Partitur einer Mahler-Sinfonie gegenüberstellt. Der Wiener Tonschöpfer nutzte – wie der Komponist Hans-Ulrich Lehmann in einem klugen Artikel aufzeigt – in seinen bloss oberflächlich banal wirkenden Orchestersätzen ebenfalls subtilste Variationen und Binnenstrukturen. Diese zeigen sich aber in einer Fülle an kleinräumigen Dynamik- und Phrasierungsanweisungen und verbalen Hinweisen auf Spielarten. (wb)
Felix Profos: Musiques Suisses Grammont Portrait, MGB CTS-M 109, aufgenommen im Radiostudio Zürich und im Seminar Kreuzlingen, mit Rahel Kunz (Violine), Tamriko Kordzaia (Keyboard), Südwestdeuschte Philharmonie Konstanz (Leitung Marc Kissóczy), Conrad Steinmann (Blockflöte), Raphael Camenisch (Saxophon), Lucas Niggli (Schlagzeug), Mondrian Ensemble, Klavierduo Kordzaia-Blum. Webseite von Felix Profos: www.fel-x.ch