Von Wolfgang Böhler
21.03.2014 — Zur Zeit ist ein Buch des Berliner Musikmanagers Berthold Seliger ‒ Das Geschäft mit der Musik. Ein Insiderbericht (Edition Tiamat, Berlin 2013) ‒ im Gespräch. Der Agent und Tourneeveranstalter beschreibt die Mechanismen, nach denen heute Rock- und Popacts (schwergewichtig, aber nicht nur) auf dem Musikmarkt positioniert werden. Nicht alles an Seligers Berichten ist wirklich neu, einiges zitiert er aus der einschlägigen Musikpresse, und sein ideeller Standort ist deutlich spürbar: Seliger polemisiert aus deutlich linken, stark wertenden und 68er-nahen Positionen heraus. So beklagt er sich in einem Kapitel «Die soziale Situation» über die prekären rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die Kreativen. Aber auch er stellt sich den zwei Kernproblemen der Kreativwirtschaft nicht.
21.03.2014 — Zur Zeit ist ein Buch des Berliner Musikmanagers Berthold Seliger ‒ Das Geschäft mit der Musik. Ein Insiderbericht (Edition Tiamat, Berlin 2013) ‒ im Gespräch. Der Agent und Tourneeveranstalter beschreibt die Mechanismen, nach denen heute Rock- und Popacts (schwergewichtig, aber nicht nur) auf dem Musikmarkt positioniert werden. Nicht alles an Seligers Berichten ist wirklich neu, einiges zitiert er aus der einschlägigen Musikpresse, und sein ideeller Standort ist deutlich spürbar: Seliger polemisiert aus deutlich linken, stark wertenden und 68er-nahen Positionen heraus. So beklagt er sich in einem Kapitel «Die soziale Situation» über die prekären rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die Kreativen. Aber auch er stellt sich den zwei Kernproblemen der Kreativwirtschaft nicht.
Zum ersten ist da die Frage der Finanzierung auch für Normalbürger erschwinglicher Kulturangebote. Es genügt halt eben nicht, Sponsoring, Urheberrechtsgesellschaften und die grossen Konzertagenturen zu brandmarken, auch wenn viele der in dem Buch beschriebenenen Zustände bedenklich sind. Sie sind allerdings längst analysiert. Der französische Journalist Frédéric Martel etwa hat in seinem Buch Mainstream eine ungleich profundere, ausgewogenere und datenreichere Beschreibung geliefert. Ein bessere Lösung für ein Musikleben, das den Musikern ein anständiges Auskommen verschafft, aber die Preise für Konzerte und Tonträger (bei Kostenwahrheit) nicht in unerschwingliche Höhen treibt, haben weder Martel noch Seliger.
Zum zweiten muss man eine systemische Grundstruktur thematisieren, die sich weder mit besserer gewerkschaftlicher Arbeit noch sozialer Absicherung beseitigen lässt. Tatsächlich wären alle Bemühungen darum, dem Heer an materiell (aber möglicherweise nicht ideell) erfolglosen Tüftler und Bastler an der Basis der kulturellen Innovation bessere Lebensbedingungen zu schaffen, vermutlich kontraproduktiv. Sie würden nämlich bloss noch mehr als die ohnehin schon sehr vielen, die in Kreativbereiche drängen, auf den Plan rufen. Kreative Tätigkeiten werden eben nicht wegen der materiellen Lebensaussichten ergriffen, sondern häufig gerade um des Chics der Fragilität eines Boèhmelebens willen.
Das Problem ist, dass kreative Innovation in jedem Fall in den Phasen ihrer Geburt weder breite soziale Resonanz noch materiellen Erfolg findet. Dass 99 von 100 dabei Tätigen scheitern, ist kein Misserfolg, sondern systemimanent: Bloss die möglichst breite Basis an nicht bereits gewerteten und gesicherten Konzepten und Ideen ermöglicht echte Innovation. Es geht darum, wie man mit denjenigen umgeht, die dabei nicht das grosse Los ziehen. Sie sind weder «erfolglos» noch «gescheitert», sondern haben ihren unerlässlichen Beitrag zum Gelingen des Ganzen geliefert. Zynismus und Lächerlichmachen sind ihnen gegenüber völlig fehl am Platz.
Unsere heutigen Fördersysteme sind aber noch immer all zu sehr darauf aus, Existenzen am Rande des Existenzminimums so lange zu ermöglichen, bis eine Umorientierung und eine Zweitkarriere auf anderen Gebieten nicht mehr möglich ist. Was also fehlt, sind Modelle, die jungen Kreativen freie Arbeit auf hohem professionellem Niveau an eigenen Konzepten ermöglicht, ihnen aber gleichzeitig einen Plan B bietet. Sich über die sozialen Beschaffenheiten der kreativen Klasse (verwöhnte und unselbständige Mittelstandskinder…) zu mokieren, wie dies Seliger tut, scheint uns zu billig.
Was Seliger über den Musikjournalismus und seine hohe Bereitschaft zur Liebedienerei schreibt, deckt sich hingegen (leider, leider) mit unseren eigenen Beobachtungen. Bloss eine Passage scheint uns ‒ da sind wir natürlich Partei ‒ gerade verkehrt. «Die Chance der Musikkritik ist letztlich die Langsamkeit», meint Seliger (308). Damit sind wir vollkommen einverstanden. Es gelte das als Stärke herauszubilden, schreibt er allerdings nun weiter, was das Internet so nicht bieten könne. In die Tiefe und in die Breite gehende Kritik und Analyse.
Das trifft daneben. In die Tiefe und in die Breite gehende Kritik und Analyse sind medienunabhängig. «Eine Rezension sollte also nicht zum Veröffentlichungstermin erscheinen (schon gar nicht Wochen vorher), sondern dann, wenn der Kritiker Zeit gefunden hat, sich mit dem Album [oder halt einem Buch, wb] zu befassen», schreibt Seliger weiter. Eben. Genau so haben wir es mit seinem Buch gehalten. Im Internet 😉