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Das SRF und seine Kultursendungen

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler30.05.2014 — Wir outen uns hier somit als ewiggestrige Langweiler (schon nur durch den anbiedernden Anglizismus). Wir schauen gerne in die Röhre, die heute allerdings keine mehr ist, sondern vielmehr eine dünne Wand mit Internetanschluss, und wir freuen uns über das überaus reiche Kulturangebot auf unzähligen Kanälen. Wir staunen auf Sendern wie BR-alpha über jahrzehntealte, unscharfe und (technisch) über- oder unterbelichtete Belehrungen Joachim Kaisers zu Opernklassikern, vergessen die Zeit ob klugen Gesprächen in billig improvisierten Museumsfundusdekors zwischen dem Physiker Harald Lesch und dem Philosophen Wilhelm Vossenkuhl, wir können uns nicht sattsehen an den zahllosen Konzertmitschnitten, die uns Arte zur Zeit zur Verfügung stellt (lassen Sie sich den sensationellen Mitschnitt eines Konzertes des Jazzgeigers Didier Lockwood mit Grössen wie Patricia Petibon, Vadim Repin und Bireli Lagrene im Théâtre du Châtelet nicht entgehen!).

 von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler30.05.2014 — Wir outen uns hier somit als ewiggestrige Langweiler (schon nur durch den anbiedernden Anglizismus). Wir schauen gerne in die Röhre, die heute allerdings keine mehr ist, sondern vielmehr eine dünne Wand mit Internetanschluss, und wir freuen uns über das überaus reiche Kulturangebot auf unzähligen Kanälen. Wir staunen auf Sendern wie BR-alpha über jahrzehntealte, unscharfe und (technisch) über- oder unterbelichtete Belehrungen Joachim Kaisers zu Opernklassikern, vergessen die Zeit ob klugen Gesprächen in billig improvisierten Museumsfundusdekors zwischen dem Physiker Harald Lesch und dem Philosophen Wilhelm Vossenkuhl, wir können uns nicht sattsehen an den zahllosen Konzertmitschnitten, die uns Arte zur Zeit zur Verfügung stellt (lassen Sie sich den sensationellen Mitschnitt eines Konzertes des Jazzgeigers Didier Lockwood mit Grössen wie Patricia Petibon, Vadim Repin und Bireli Lagrene im Théâtre du Châtelet nicht entgehen!).

 

Wir geben sogar zu, dass wir uns ab und an am frühen Sonntagmorgen in die Teleakademie des SWR einklinken. Nur eines tun wir uns mittlerweile fast nicht mehr an: Kultursendungen des öffentlich-rechtlichen Schweizer Fernsehens SRF. Wir sind halt eben hoffnungslos vorgestrig, mit unserer Skepsis gegenüber einem «erweiterten Kulturbegriff», der alles und jedes an Deutungen und Analysen rechtfertigt, so lange sie bloss sich engagiert gebärden. Allenfalls finden wir Gefallen an Nicolas Senns versöhnlich-entspannter Volksmusiksendung Potzmusig. Im Ernst.

 

Wir wollen Kultur nicht vermittelt bekommen. Uns interessieren Selbstinszenierungen engagierter Moderatoren und Diskussionsrunden nicht. Uns langweilen Sendungen wie Kulturplatz oder Literaturclub mehr und mehr, die in Social-Media-Manier rationales Argumentieren durch Daumen-hoch-und-runter-Geschmacksurteile ersetzen. Wir möchten mehr von den Interviews, wie sie die Sternstunden-Moderatorin Barbara Bleisch mit Alice Schwarzer geführt hat.

 

Das Zweifel-Heidenreich-Affärchen hat uns nun den Rest gegeben. Es hat die Doktrinen im SRF-Kulturprogramm bestätigt: Frau Heidenreich bringt ihre Abneigung gegenüber dem Philosophen Martin Heidegger (die wir im übrigen teilen) mit einem interpretierenden Pseudozitat zum Ausdruck. Der Literaturclub-Moderator Zweifel zweifelt (völlig zu recht) an der Authentizität des Zitats. Die Kulturredaktion von SRF findet es nicht nötig, den Sachverhalt zu klären und zieht (ob ursächlich oder nicht, ist egal) Heidenreichs ruppige Rechthabereien aus dem Bauch Zweifels analytischer Skepsis sine ira et studio vor.

 

Im Privatfernsehen könnte so etwas noch angehen, in einem öffentlich-rechtlichen Sender darf  Urteilen aus dem Bauch nicht über faktenbasiertes Analysieren gestellt werden. Gesinnungsethik darf in einem öffentlich-rechtlichen Sender nicht überhandnehmen. Es wäre der erste Schritt weg vom demokratischen Auftrag.

 

Wir hoffen, dass die früher so angenehme Doktrin in den Kulturabteilungen von SRF, dass nichts so sehr zu fesseln vermag wie authentisches rationales Denken und kritisches Nachfragen, sich wieder durchsetzt. Die höhere Gewichtung des Unterhaltungswertes gegenüber der Wahrheitssuche, wie sie sich zur Zeit dort breitzumachen scheint, ist beunruhigend. 

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