von Wolfgang Böhler
Ein Wort geistert vermehrt durch die Medien, vor allem mit Blick auf die Sozialen Medien und ihre teils sonderbaren Gepflogenheiten der Kommunikation. Der Drang zu Mitteilung auch banalster Ereignisse und Handlungen provoziert immer häufiger Fremdschämen. Es scheint sich um eine neue Form pubertärer, lustvoll-schauriger und voyeuristischer Freude an einer Grenzüberschreitung zu handeln, wie sie früher skurrile Streiche unter Pfadfindern oder Blossstellungen in Schulklassen repräsentierten. Zum neuen Trend passt der unter Jugendlichen in Mode gekommene Ausdruck «Opfer» als herabsetzender Spottausdruck für Schwächere in der Gruppe. Auf der andern Seite scheinen Heranwachsende in ihrem Selbstdarstellungsdrang auf Plattformen wie Instagram, Whatsapp oder Facebook die Grenzen des Schicklichen (ja, ja, das ist ein braves und altertümliches Wort) häufig nicht mehr intuitiv richtig zu setzen.
von Wolfgang Böhler

Ein Wort geistert vermehrt durch die Medien, vor allem mit Blick auf die Sozialen Medien und ihre teils sonderbaren Gepflogenheiten der Kommunikation. Der Drang zu Mitteilung auch banalster Ereignisse und Handlungen provoziert immer häufiger Fremdschämen. Es scheint sich um eine neue Form pubertärer, lustvoll-schauriger und voyeuristischer Freude an einer Grenzüberschreitung zu handeln, wie sie früher skurrile Streiche unter Pfadfindern oder Blossstellungen in Schulklassen repräsentierten. Zum neuen Trend passt der unter Jugendlichen in Mode gekommene Ausdruck «Opfer» als herabsetzender Spottausdruck für Schwächere in der Gruppe. Auf der andern Seite scheinen Heranwachsende in ihrem Selbstdarstellungsdrang auf Plattformen wie Instagram, Whatsapp oder Facebook die Grenzen des Schicklichen (ja, ja, das ist ein braves und altertümliches Wort) häufig nicht mehr intuitiv richtig zu setzen.
Öffentliches Musizieren ist wie kaum eine andere Tätigkeit eng mit potentiellen Schamerlebnissen verbunden. Davon zeugen Lampenfieber und die Verletzlichkeit gegenüber herabsetzenden Gesten und Bemerkungen, die in Sekunden Musikerleben zerstören können. Es gehört zu den grossen Themen der Musikpraxis.
Mit solchen Phänomen umzugehen (oder eben nicht) war einmal Domäne der Musikerziehung. Das Vorsingen vor einer Klasse, Vortragsübungen mit dem Instrument, öffentliche Auftritte an Gemeindeanlässen waren (und sind) nicht nur musikalische Übungen, sondern auch Beiträge zur Persönlichkeitsbildung. Das vortragende Kind lernt, mit seinen natürlichen Schamgefühlen umzugehen, sich emotional zu exponieren und dabei die persönlichen Grenzen auszuloten und richtig zu setzen. Die Kinder im Publikum lernen, sich respekt- und rücksichtsvoll zu verhalten. Das sind noch immer weit unterschätzte kollaterale Lerneffekte des Musikunterrichts ‒ wenn die dafür Verantwortlichen damit souverän umgehen.
Heute scheint es Heranwachsenden nicht mehr selbstverständlich zumutbar, sich derart zu exponieren. Umgang mit Intimem ‒ damit ist jetzt nicht in erster Linie die erwachende Sexualität, sondern eben das richtige Gespür für die personale Würde gemeint ‒ soll nicht mehr in die Zuständigkeit von Schule und Berufsausbildungen fallen. Das ist ein fatales Zeichen der Vertrauensverlustes in der Gesellschaft. Gerade die Kunsterziehung sollte diese Dimensionen des Menschwerdens wieder für sich reklamieren: das Einüben des Umgang mit Emotionalität, Werten und Öffentlichkeit.
Es wäre das beste Mittel, um das derzeitige Desaster der Hilflosigkeit gegenüber Mobbing, Sexting, Bullying und so weiter in den Griff zu bekommen. Heranwachsende sollen einerseits lernen die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem angemessenen zu sehen, andererseits aber in der Lage sein, sich angstfrei und auch als gefühlsbestimmte Persönlichkeiten sicher zu exponieren.