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Abgetaucht statt versunken

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler31.10.2014 — Generation Fahrig: Der Nachwuchs hängt am Smartphone wie an einer Infusionsflasche. Ist es mal offline, droht der Kollaps. Videos (mit – oder Wäh-Effekt) in Zweiminuten-Häppchen konsumiert, rasch ein Like gesetzt, durch die zwanzig lustigsten Ausrutscher geklickt, nächstes Thema. Noch ein Facebook-Eintrag kommentiert, im Vorübergehen eine Online-Petition zum Tierschutz oder gegen die Ungerechtigkeit der Welt unterschrieben (man ist ja politisch engagiert), nächstes Thema… Zwar machen sie alle einen in sich versunkenen Eindruck, wenn sie krass konzentriert auf ihre Bildschirmchen starren. Sind sie aber nicht, eher abgetaucht. Der Welt abhanden gekommen. Allerdings ohne die Poesie Rückerts. Des Knaben Wunderhorn heute: ein iPhone.

 von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler31.10.2014 — Generation Fahrig: Der Nachwuchs hängt am Smartphone wie an einer Infusionsflasche. Ist es mal offline, droht der Kollaps. Videos (mit – oder Wäh-Effekt) in Zweiminuten-Häppchen konsumiert, rasch ein Like gesetzt, durch die zwanzig lustigsten Ausrutscher geklickt, nächstes Thema. Noch ein Facebook-Eintrag kommentiert, im Vorübergehen eine Online-Petition zum Tierschutz oder gegen die Ungerechtigkeit der Welt unterschrieben (man ist ja politisch engagiert), nächstes Thema… Zwar machen sie alle einen in sich versunkenen Eindruck, wenn sie krass konzentriert auf ihre Bildschirmchen starren. Sind sie aber nicht, eher abgetaucht. Der Welt abhanden gekommen. Allerdings ohne die Poesie Rückerts. Des Knaben Wunderhorn heute: ein iPhone.

 

Laut der soeben veröffentlichten jüngsten James-Studie, welche die ZHAW seit 2010 im Auftrag der Swisscom durchführt, surften 2010 gerade mal 16 Prozent der befragten Jugendlichen täglich oder mehrmals wöchentlich mit dem Handy im Netz. Dieser Anteil ist auf heute 87 Prozent gestiegen. Die Jugendlichen «telefonieren nicht nur mit dem Smartphone, sie hören damit auch Musik, surfen im Netz, knipsen Fotos, checken ihre E-Mails oder spielen Games». Die Allgegenwart des Smartphone ist zum neuen Paradigma des In-der-Welt-Seins geworden.

 

Themen wie Sexting, Cybermobbing und Stalking sind medienwirksamer und haben grösseres Empörungspotential, die ganz grosse Gefahr der Allgegenwart mobiler Gadgets und Sozialer Medien scheint aber im Stillen die Gesellschaft zu destabilisieren: Die Aufmerksamkeitsspanne und die Fähigkeit zur geduldigen Versenkung in ein Thema, ein Rätsel der Welt oder das Rätsel der eigenen Existenz, erodiert.   

 

Glaubt man amerikanischen Studien (der Organisation Assisted Living Today), so ist die Aufmerksamkeitsspanne in den letzten zehn Jahren von zwölf Minuten (!) auf fünf Sekunden (!) gefallen. Wir haben es mit einer Epidemie, möglicherweise der grössten Bedrohungen der Menschheit seit ihrem Entstehen, zu tun: Der Selbsdispensation durch Unfähigkeit zur vertieften Reflexion.

 

Man könnte auf die Musik als Gegenmittel hoffen, denn die klingende Kunst ist wohl eine der ältesten Formen des Biofeedback in Sachen Lernen: Ob etwas wirklich verstanden worden ist, zeigt sich sinnlich in der Fähigkeit (oder Unfähigkeit), es angemessen zu reproduzieren. Musikalische Lernprozesse müssen in organischer Weise auf das eigene Tempo mentaler und physischer Veränderungsprozesse Rücksicht nehmen.

 

Allerdings hat die Musik die Generation Fahrig bereits vorwegenommen. Man springt von einem Reiz (einer Uraufführung) zum andern (einer Uraufführung), ruft ständig nach neuem, statt sich in eine musikalische Erfahrung wirklich zu versenken. Auch die Zeiten, in denen man ‒ sagen wir mal ‒ Goulds Goldberg Variationen zweihundertmal aufgelegt und jedes Detail ausgehört und zum Elebnis gemacht hat, scheinen vorbei…

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