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25.04.2005 — Trotz aller Befürchtungen, als ewiggestriger Sozialromantiker entlarvt zu werden, gebe ich es öffentlich zu: Zu meinen schönsten Kindheitserlebnissen gehört das frühmorgendliche Singen von Kanons und andern Liedern («Vom Aufgang der Sonne, bis zu ihrem Niedergang…») als Auftakt zu einem neuen Schultag, das ich als kleiner Knirps in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts noch miterlebte. Wenn der Lehrer ins Zimmer trat, standen wir auf, und im Raum roch es nach Linoleum, Kampfer und frischen Äpfeln in den Leinentäschchen, aus denen wir in den Pausen unseren Hunger stillten – das Leben war viel einfacher als heute, und der konjunkturelle Aufschwung liess keine Zukunftsängste aufkommen. Die einzige Sorge, die ich hatte war, dass mir das Nachbarstöchterlein mit den beiden langen Zöpfen auf dem Pausenplatz wieder ans Schienbein treten könnte (heute diagnostizierte man bei ihm vermutlich ein ADS – Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom – oder Hyperaktivität und würde es mit Ritalin stillstellen). Beim Singen hatte es eine glockenhelle Stimme.
Welche Schülerin und welcher Schüler wissen heute noch, was ein Quodlibet ist? Wieviele Kanons und zweite oder dritte Stimmen beherrscht ein Schüler heute noch auswendig? Ich kann mich erinnern, dass unser Lehrer – nicht einmal der Singlehrer – immer mal wieder ein Quiz mit uns veranstaltete, in dem aus dem blossen Klopfen eines Rhythmus’ Begleitstimmen zu Standardliedern des Schulrepertoires erraten werden mussten.
Um den Nachwuchs bei der Stange zu halten und den Musikunterricht – wo er denn noch strategische Bedeutung hat – attraktiv zu gestalten, ist das in meiner Kindheit eindeutig vernachlässigte rhythmische Element in den Vordergrund gerückt. Die rationale Polyphonie der abendländischen Mehrstimmigkeit ist nicht mehr sexy. Möglicherweise, weil die Gemeinschaftserlebnisse, die sie beim gemeinsamen Musizieren erzeugt, nichts Körperliches an sich haben und die Konzentration und das innere Zählen, das dazu erforderlich sind, irgendwie eher nach Mathematik als nach «Deutschland sucht den Superstar» riechen.
Auf die Gefahr hin, öffentlich hingerichtet zu werden – Musik gilt kraft ihrer Charakterisierung als musisches Fach als «seelischer Ausgleich» zu den «intellektuellen» Fächern und soll vor allem begeistern und Emotionen wecken – fordern wir mehr Schulung des analytischen Denkens und intellektuelle Herausforderung im Musikunterricht. Manchen mag das wie eine Umwertung der angesagten Werte erscheinen, denn der Intellekt werde ja von der Schule ohnehin viel zu einseitig gefordert und gerade ein Fach wie die Musik müsse da entgegenhalten, ist die gängige Überzeugung.
Die moderne Schule betont den Intellekt in Tat und Wahrheit zu wenig und vernachlässigt zugunsten der Sprach- und Umwelterziehung die sorgfältige Hinführung zur mathematischen und naturwissenschaftlichen Kompetenz. Diese Einsicht ist keine Demontage der kindergerechten und menschlichen Schule: Emotionale Wärme, Nähe und Gemeinschaftsbewusstsein kann ein Lehrer oder eine Lehrerin nur kraft seiner/ihrer Persönlichkeit vermitteln. Intellektuelle Herausforderung und seelische Wärme schliessen sich gegenseitig keinswegs aus. Im Gegenteil: Klarheit im Denken führt eher zu einem hohen Selbstwertgefühl und damit zu einem entspannten und positiven Verhältnis zur sozialen Umwelt. (wb)
Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins
