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Das Paradox der Kritik

Von Wolfgang Böhler

 

Wolfgang Böhler

30.05.2005 — Machen Sie mal folgenden Test: Was kommt Ihnen zu Peter Handke spontan in den Sinn. Ist es der Skandaltext in Sachen «Gerechtigkeit für Serbien»? Und zu Martin Walser? Sind es Antisemitismusvorwürfe? Womit assoziieren Sie spontan Calixto Bieto? Mit einem Skandal rund um eine Mozart-Oper als Sadomaso-Show? Oder beim Stichwort «Bayreuth». Schlingensief? Was wiederum kommt Ihnen bei Schlingensief in den Sinn? Cleveres Eigenmarketing mit Skandalen auf Bestellung als Unique Selling Point? Okay, die letzte Assoziation war wohl eher etwas für Marketingstrategen als für Musikphilosophen. Wenn Sie den Sinn der Fragen im Grossen und Ganzen aber begriffen haben, dann können Sie nachvollziehen, was man als das «Paradox der Kritik» bezeichnen könnte.

Ein Kritiker kann es sich – heute mehr denn je –nicht mehr erlauben, Kunst einfach verständig bloss zu besprechen. Kunst muss ein Ereignis darstellen, und Ereignisse, das sind Skandale. Und in der Folge wird von einem möglicherweise komplexen Kunstwerk bloss noch ein – möglicherweise marginaler – Skandalaspekt thematisiert.

Das glaubwürdige, feingezeichnete Porträt, der bislang unerreicht subtile Kontrapunkt sind keine Ereignisse. Und wenn Kunst kein Ereignis ist, dann muss man sie halt dazu machen.

Die einzige Form der angemessenen und fairen Kritik wäre in Tat und Wahrheit zunächst einmal eine differenzierte und angemessene Darstellung dessen, um was es sich bei dem Besprochenen eigentlich handelt (Gähn), dann ein Abwägen von Argumenten dafür und dagegen, ob der selbstgestellte Anspruch des Werkes oder Künstlers denn nun eingelöst ist und ob der Anspruch an und für sich Sinn macht (Schnarch).

Es gehört zum alltäglichen Zynismus von Kritikern, dass sie sich dessen durchaus bewusst sind. Allerdings fürchten sie die gängige Doktrin darüber, was Kunstkritik sein sollte. Diese darf – um das Verdikt eines Starkritikers zur Literatur gegen diese selber zu verwenden – alles, bloss nicht langweilen. Und ein Kritiker, der bloss langweilt, weil er sachgerechte Kritiken schreibt, wird schnell einmal gemobbt. Wer als Schlafmütze gilt, hat einen schweren Stand auf Redaktionen und bei der Leserschaft.

Der Kritiker steht also vor der systembedingten Wahl: Da gibt es die Möglichkeit der Ochsentour, die zunächst einmal darin besteht, das Werk, das kritisiert werden soll, gründlich kennenzulernen. Der Akzent liegt dabei auf gründlich: Ein Buch mehrmals lesen, eine neue Komposition x-Mal anhören, die Partitur studieren, Analysen wagen und wieder verwerfen. Eine Ausstellung bildender Kunst muss mehrmals besucht werden, am besten zu verschiedenen Tageszeiten, dazu kommen langgezogene Gespräche mit dem Künstler – meintwegen bei einem guten trockenen Weisswein – und so weiter.

Leider entsteht damit eben bloss ein Langweilertext, und überdies ist mit seiner Fertigstellung der Abgabetermin seit Monaten verstrichen und sind die Zeitung, die Zeitschrift, der Fernsehkanal oder das Onlinemagazin Konkurs gegangen. Wir leben in einer schnelllebigen Zeit, Mann.

Man ist also gezwungen, die Abkürzung zu wählen: Man sucht in der kursorischen Betrachtung scheinbare oder echte Schwächen des zu Besprechenden und stilisiert sie zum Skandal, oder wenigstens zum Ärgernis und diese damit – erraten – zum Ereignis hoch. Da das schlechte Gewissen drückt, stilisiert man ein beliebiges Werk, das – um den Kontrast schärfer zu zeichnen – idealerweise einen Verweigerungsgestus pflegt, ab und zu zum Jahrhundertereignis hoch, nur damit die andern nicht sagen können, man nörgle ja nur. Die Abgabetermine können eingehalten werden und die Zeitung, die Zeitschrift, der Fernsehkanal oder das Onlinemagazin wahren in der Aufmerksamkeitsökonomie ihre Wettbewerbsfähigkeit.

Und was für Schlussfolgerungen ziehen wir aus dem Befund? (wb)

Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins

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