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17.06.2005 — Am Treffen «next generation» der deutschen Studios für elektronische Musik in Karlsruhe (eine Zusammenfassung des Abschlusspanels findet sich hier) stand die Zukunft der elektroakustischen Musik zur Diskussion. Allgemein wurde beklagt, dass der finanzielle und künstlerische Spielraum immer enger wird.
Man kann eine tiefschürfende ästhetische Diskussion über die Geringschätzung ihrer Ästhetik lostreten, die sicher ihre Berechtigung hat. Man kann das Problem auch von einem ganz pragmatischen Standpunkt aus betrachten, ohne dabei ein Werturteil zu fällen: Elektroakustische Musik in der Tradition der europäischen Avantgarde vermag bloss ein exklusives Grüppchen von Rezipienten zu interessieren. Im Vergleich dazu sind die Mittel, die zur Produktion aufgewendet werden müssen, überaus opulent: Studios sind nach wie vor teuer – nicht mehr allzusehr in der eigentlichen Studioelektronik als in bauakustischen Vorkehrungen – und nehmen, gerade auch in den neueren Entwicklungen hin zur räumlichen Inszenierung eben viel Raum ein.
Unglücklicherweise pflegen nicht wenige Vertreter der Gattung auch noch gesellschafts- und kulturpolitisch Positionen, die Aussenstehenden elitär scheinen mögen. Es genügt ihnen nicht, einfach interessante Musik zu machen und die handwerklichen Mittel der Musik auf originelle Weise zu erweitern. Es werden auch gesinnungsethische Barrieren errichtet und kaum aktiv Anknüpfungspunkte mit der populären und Subkulturszene gesucht.
Ein interessantes Projekt in die richtige Richtung wäre das Webradio der Degem (Deutsche Gesellschaft für elektroakustische Musik) das anlässlich des Treffens in Karlsruhe gestartet worden ist (biblio.zkm.de/DegemWebradio/radio.htm), wenn es nicht bloss koventioneller Didaktik im Stil akademischer Hochschulvorlesungen frönen würde. Eine nicht unwesentliche Randbedingung sorgt darüber hinaus dafür, dass man damit im exklusiven kleinen Kreis bleibt: Aus «urheberrechtlichen Gründen» können maximal 25 Hörer gleichzeitig den Stream abrufen.
Ähnliche Barrieren werden bei den Konzerten mit elektroakustischer Musik aufgerichtet: Man verharrt in einem klassischen Konzertsetting, mit Raumgestaltungen, Abläufen und Ritualen, die aus dem 19. Jahrhundert stammen: Konzertstuhlung, Raumabdunkelung, Braves Stillsitzen, Dunkelgewandete Interpreten oder Exponenten, seriell abgearbeitete Konzertprogramme und Applaudieren mittels Händeklatschen.
Ironischerweise bleibt die elektroakustische Musik damit in ihrer Art der Vermittlung weit hinter moderneren Ansätzen von Kulturpädagogik und -management zurück – auf schon fast demonstrativ bürokratischem und uninspiriertem Niveau. «Ironischerweise», weil die elektroakustische Musik, die inhaltlich tatsächlich viel Spannendes zu sagen (beziehungsweise zu klingen) hat, ja ansonsten mit dem avantgardistischen Anspruch auftritt, Medien zu verbinden und als Schaltstelle verschiedenster Szenen zu fungieren.
Man könnte sich vorstellen, dass die in dieser Art von Musik angelegte Multidisziplinarität sich auch auf die Vermittlungsaspekte ausweiten liesse. Weshalb also nicht einmal die Zusammenarbeit mit Ausbildungsstätten von Radiojournalisten suchen und diesen ein Projekt Webradio schmackhaft machen? Weshalb nicht konsequent und systematisch Alternativen zum fantasielosen Konzertsetting entwickeln, etwa mit Klanginterventionen dort wo Menschen untätig warten müssen: An Haltestellen, auf Flughäfen, im Zahnarztwartezimmer, wo man die grauenhaften Bohrgeräusche ironisch brechen könnte, in Telefonwarteschleifen, in öffentlichen Bedürfnisanstalten… Zahlreiche weitere Gebiete liessen sich vermutlich finden, um elektroakustische Musik unters Volk zu bringen: akustische Signaletik oder Stimmungskulissen für Sportanlässe, mit denen die immer besorgniserregender werdende Verrohung der Sitten bekämpft werden könnte. Man kann davon ausgehen, dass Bayern München oder Schalke 04 die Stadionanlage zur Verfügung stellen würden. (wb)
Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins
