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22.07.2005 — «Kelly Osborne will sich Fett absaugen lassen» – die Tochter des Schockrockers Ozzy Osborne hat ein Figurproblem –, «Ex-Freund verwundert über Sarahs Leder-Video» – gemeint ist die Sängerin Sarah Connor –, «Sängerin Antonia (‘Ich bin viel schöner’) hat bei einem Bühnenunfall einen Steissbeinbruch erlitten» und gleich darauf als Konsequenz «Sexverbot für Antonia aus Tirol», «Schlagersängerin Michelle jagt Hundehasserin», «Kerry Katona macht die verschönerte Brust zu schaffen». Von Mariah Carey erfahren wir, dass ihr BH auf der Bühne geplatzt ist.
Wer sich jetzt über unseren schlechten Geschmack enerviert, muss wissen, dass diese Meldungen nicht auf unserem Mist gewachsen sind. Die meisten davon waren in den letzten Tagen in «Qualitätsblättern» zu lesen. Die Tatsache, dass der Sexismus im Feuilleton Urständ feiert, ist dabei eine Sache. Dass sich kein Schwein mehr darüber aufregt, eine zweite. Was den Journalisten vom professionellen Standpunkt her gesehen aber wirklich die Wände hochtreiben sollte, ist die Tatsache, dass es sich bei den Enthüllungen (in jedem Sinn des Wortes) allesamt um Nullmeldungen handelt: Tagtäglich werden die Leser mit zuviel Lesestoff zugemüllt und da erlaubt man es sich, derart belangloses Geschwätz prominent zu platzieren.
Man kann mit ein bisschen Akrobatik in Sachen Medienethik die Mitteilungen zur Not verteidigen. Man muss sich dazu auf den Standpunkt stellen, dass es da ja um die Entertainment-Branche geht. Entertainment ist ein weiter und weitgehend amoralischer Begriff, und jeder Webmaster stellt fest, dass bei solchen Meldungen die Zugriffstatistiken auffallende Ausschläge zeigen.
Deklariertes und effektives Leseverhalten decken sich eben bei weitem nicht, wie jeder Medienprofi weiss. Selbst in gehobenen Zeitungen der Intelligenzija werden die anrüchigen Meldungen am meisten konsumiert. Der Redaktor sollte so gesehen davon Abstand nehmen, seine Leserinnen und Leser zu bevormunden. Wenn er Brüste will, dann soll er Brüste haben. Wenn sie Hundehasserinnen will, dann gebe man ihr Hundehasserinnen.
Der publizistische Dadaismus macht aber auch vor den Primadonnen der Klassikszene nicht Halt. So muss angesichts einer letzthin über Anna Netrebko kolportierten Meldung die Logik der Berichterstattung als echt herausgefordert betrachtet werden.
«Anna Netrebko hat die Nase voll davon, immer nur für ihre Schönheit gerühmt zu werden», erklärt die Sängerin einem Journalisten. Jeder vernünftige Mensch würde daraus den Schluss ziehen, dass die Botschaft dahingehend lautet, dass die Sängerin es lieber sähe, wenn künftig über ihre künstlerischen Leistungen, statt über ihr Aussehen geschrieben würde. Journalisten pflegen aber eine Art Nicht-Standard-Logik. Sie gehen davon aus, dass von denjenigen, die aus der Lektüre zahlreicher Artikel bereits wissen, dass Anna Netrebko eine schöne Frau ist, vielleicht 0,5 Prozent sie wirklich je singen gehört haben.
Der Durchschnittsleser kann sich also gar nicht dafür interessieren, was man über Anna Netrebkos Gesangskunst zu sagen hätte. Der journalistisch korrekte Schluss lautet deshalb: Anna Netrebko hat den Wunsch geäussert, dass mehr über ihre künstlerischen Leistungen geschrieben wird, statt über ihre Schönheit, also teile man den Lesern mit, dass Anna Netrebko den Wunsch geäussert hat, dass mehr über ihre künstlerischen Leistungen geschrieben wird, statt über ihre Schönheit.
Der Leser wiederum kann daraus bloss einen logischen Schluss ziehen: Die Botschaft richtet sich an ihn! Also klemme sich jeder doch bitte hinter die Schreibmaschine und erfülle ihr den Wunsch. Das Ganze kann so gesehen als überaus raffiniertes Plädoyer für den Volksjournalismus – Neudeutsch «Blogging» genannt – aufgefasst werden. Die arme Anna muss dann einfach fünf Millionen Interviews geben statt zwanzig.
Uns dämmert ob der Konsequenz langsam, dass Journalisten eine Aufgabe zu erfüllen hätten: Nachrichten zu sortieren, zu gewichten, aufzuarbeiten und dem Leser in klar verständlicher Form darzubieten. Es wäre die Aufgabe der schreibenden Zunft, der lesenden Bevölkerung die Arbeit abzunehmen, sich durch all den Informationsschrott der Welt kämpfen zu müssen, um die paar wenigen Perlen zu finden. Abgesaugtes Fett, Steissbeinbrüche, geplatzte BHs und Zurechtweisungen von Journalisten gehören da unseres Erachtens definitiv nicht dazu. (wb)
Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins
