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Der Fluch der kurzen Titel

Von Wolfgang Böhler

 

22.08.2005 — Der Online-Journalismus sieht sich mit einem Paradox konfrontiert: Zwar bietet ein Webserver Platz à discretion für alles und jedes. Artikel, Dossiers und Reportagen können beliebige Länge haben. Auf der andern Seite ist der auf einen Blick sichtbare Bereich eines Online-Magazins auf Bildschirmgrösse eingeschränkt. Damit nicht genug: Im Gegensatz zu traditionellen Zeitungsmachern, die jedes Detail ihres Produktes kontrollieren können, steht der Online-Produzent zudem vor der Tatsache, dass nicht nur er, sondern weitgehend auch Computer und Bildschirm des Kunden über die Darstellung seines Erzeugnisses bestimmen.

Man muss also auch damit rechnen, dass das opulent angelegte Internetmagazin auf einem kleinen 14-Zoll-Bildschirm betrachtet wird, und künftig sogar vermehrt auf den Minidisplays von Handhelds und Mobiltelefonen.

Dem Leser in einem Textanriss oder einer Schlagzeile das Wesentliche hinüberzubringen und ihn auch noch dazu zu verführen, sich zu detaillierteren Hintergrundinfos durchzuklicken, stellt deshalb eine der grossen Herausforderungen einer Onlineredaktion dar.

Da besteht die Gefahr, eine Unmode der Boulevard-Presse zu übernehmen, Akteuren zwecks leichterer Identifizierung und Charakterisierung Bindestrich-Titel zu verleihen oder Kalauer zu bemühen: In Ramallah findet ein «Barenboim-Konzert» statt, das Wirken Gustav Kuhns an den Tiroler Festspielen wird zum «Kuhniversum» (obwohl man da prima vista eher Milchproduzentinnen assoziiert), Reich-Ranickis Leben wird vom «Speer-Regisseur» Heinrich Breloer verfilmt (womit unterschwellig schon ein Konflikt konstruiert ist), Joseph Ratzinger alias Benedikt XVI. wird – metaphorisch völlig schief – zu «Papa Ratzi» und sein Geburtsort Marktl am Inn wegen der «Pilgerschwemme» zu «Marktl am Irrsinn». Ha Ha Ha.

Derart Titulierte fühlen sich, selbst wenn die Charakterisierungen positiver Natur sind, häufig nicht ernst genommen, vor allem wenn sie wenig Übung im Umgang mit Medien haben. Hartgekochte Medienprofis mögen jetzt abwinken, aber das Gefühl ist berechtigt, denn tatsächlich werden mit dem saloppen stilistischen Kunstgriff Individuen mit all ihren komplexen Facetten plump auf einen Aspekt reduziert, nicht selten auf einen, der nicht ihrem Einfluss untersteht.

Journalisten loben sich ja gerne selber über den Klee, wenn es um ihre kreative Potenz geht. Nun denn, möchte man vor allem den Onlineschreibern zurufen, die speziell unter dem allgemeinen Verknappungs- und Verdichtungsdruck der immer schneller werdenden Informationsvermittlung stehen. Möglicherweise ist die erste, scheinbar zündende Idee nur eine suboptimale Lösung? Möglicherweise lohnt es sich bei solchen Kreationen, sich selber immer auch noch die Anschlussfrage zu stellen: Trifft die witzige Titulierung im Kern wenigstens den Sachverhalt? (wb)

Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins

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