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Irrige Forschung, falsche Kritiken

Von Wolfgang Böhler

 

10.10.2005 — Vor einigen Tagen machte eine Meldung die Runde, die sich überaus spektakulär, ja skandalös anhörte. Eigentlich dürfte sie aber bloss diejenigen erstaunt haben, die mit den Gesetzen des modernen Wissenschaftsbetriebes wenig vertraut sind. Um was geht es? Der Epidemiologe John Ioannidis behauptet in einem Artikel in der «Public Library of Science», dass die statistische Wahrscheinlichkeit für die Richtigkeit einer beliebigen einzelnen wissenschaftlichen Arbeit unter fünfzig Prozent liegt. Schuld daran seien zu kleine Samples, ein schlechtes Studiendesign, selektive Auswertungen und so weiter und so fort. Man muss daraus schliessen, dass sogar beinharte Empiriker nicht selten und völlig unbewusst das zurechtbiegen, was nicht sein darf, um etwas zu erhalten, was ihren Erwartungen entspricht. Wissenschaftler sind ja schliesslich auch nur Menschen.

Die Behauptung ergibt – nebenbei bemerkt – eine hübsche Variante des Lügner-Paradox’. Denn auch die Arbeit von Ioannidis ist ja bloss ein einzelner Beitrag zum Thema. Wenn sie also richtig ist, behauptet sie auch von sich selber, dass sie wohl eher falsch ist – ein krasser logischer Widerspruch.

Sei’s drum. Wir wollen eigentlich auf etwas anderes hinaus: Jeder seriöse Wissenschaftler weiss, dass bloss eine Fülle an Belegen sowie von unabhängigen Dritten tatsächlich reproduzierte Wiederholungen von experimentellen Befunden Anlass bieten können, entsprechende Resultate als glaubwürdig zu akzeptieren.

Der Befund lässt sich auch auf die Kulturberichterstattung im Allgemeinen und Rezensionen in den Feuilletons im Besonderen übertragen. Eine einzelne Kritik ist an und für sich wertlos. Erst eine Fülle an Besprechungen – am besten aus den verschiedensten ästhetischen und politischen Ecken – lässt ein sprechendes Gesamtbild eines neuen Buches, Musikwerkes, Theaters oder Filmes entstehen. Diese Breite ist jedoch häufig nicht gegeben; sie kommt höchstens zustande, wenn es um grosse überregionale und glamourfähige Events geht, etwa um Opernpremieren des Regietheaters.

Der Kritiker, der weiss, dass er den vermutlich einzigen Text zu einem originellen und einzigartigen, aber möglicherweise nicht mehrheitsfähigen Kulturereignis abliefert, hat da häufig einen frustrierenden Job. Die Erwartungshaltung der Künstler, über die er schreibt, treibt ihn nämlich in der Regel auch in einen logischen Widerspruch: Auf der einen Seite soll dem Besprochenen nicht Unrecht getan werden. Das ungewollte Monopol der Berichterstattung verlangt nach grösstmöglicher Objektivität. Dennoch soll der Beckmesser «aus dem Bauch heraus» schreiben, denn jeder schöpferische Mensch möchte ja schliesslich, dass seine Werke auch emotional etwas auslösen.

Der Engländer nennt dies «double bind»: Sei spontan, aber überlege dir gefälligst genau, was du dabei machst. Ein – wie vieles nur unvollkommener – pragmatischer Ausweg aus dem Dilemma könnte heissen: Sei in der Sache angriffig und streng und wahre den unbedingten Respekt auf der persönlichen Ebene. Leider wird aber allzu oft der umgekehrte Weg begangen: Angriffe werden auf der persönliche Ebene lanciert, und die sachliche Auseinandersetzung findet mit der Schutzbehauptung des «Repektes vor dem Werk» nicht statt.

Der Grund sind oft nicht eimal Arroganz und Häme. Fehlende zeitliche Ressourcen erlauben kein differenziertes Urteil über ein Werk, und so peppt man den eigenen Text mit persönlichen Sticheleien auf, damit eine Kontroverse überhaupt in Gang kommt. Im Interesse eines hochklassigen Kultur- und Wissenschaftslebens sollten solch unlautere Methoden dennoch möglichst vermieden werden. (wb)

Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins

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