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05.11.2005 — Durchs Internet geistern bösartige Progrämmchen, die sich auf fremden Computern einnisten und diese missbrauchen, um verwerflichem Tun zu frönen. Dazu gehören das Versenden von Spam sowie das Ausspionieren von Passwörtern und Kreditkarten – wenn nicht gleich ganze Festplatten gelöscht werden. Mittlerweile gibt es Strategien zur Bekämpfung dieser «Viren» und «Würmer» genannten Schädlinge. Antivirensoftware, Brandmauern («Firewalls») und Systeme zum Aufspüren eingeschmuggelter Sabotagesoftware verrichten ihre Arbeit immer besser. Ein wichtiges Instrument zum Unschädlichmachen von solchen Nervtötern sind sogenannte Sandboxes. Dabei handelt es sich um strikt abgetrennte Quarantänestationen in Rechnern, in denen sich Viren und Würmer genauer untersuchen und ihre Wirkungen studieren lassen, ohne dass sie in produktiven Bereichen Schaden anrichten könnten.
Ähnliche Bedrohungen sind in den Nachrichtenkanälen des Webs zu beobachten – allerdings sind die Schädlinge da ungleich schwieriger zu erkennen: Sie stehlen im besten Fall bloss Zeit und Bandbreite, streuen aber auch falsche Gerüchte oder gar platte Lügen und sind äusserlich dennoch nicht als maligne Machwerke zu erkennen. Die zunehmende Verbreitung dieser Zombies im Nachrichtenfluss zwingt uns, auch auf dieser Ebene eine Sandbox einzurichten. Sie soll verhindern, dass unsere Leser Zeit und Nerven verschwenden, um sich mit Scheininformationen und Pseudonachrichten herumzuärgern.
Informationsschrott, wie er leider immer hartnäckiger ins Web drängt, werden wir künftig konsequent inspizieren, isolieren und identifizieren. Wir werden seine Gefährlichkeit eruieren und Strategien zu einem angemessenen Umgang mit ihm entwickeln. Die Sandbox mit den jeweils neuesten Meldungen finden sie hier. Auch auf der Titelseite unseres Magazins findet sich künftig ein Hinweis auf unseren Antiviren- und –würmerdienst zur Bekämpfung von Nachrichten, die in Tat und Wahrheit bloss bösartige Angriffe auf unser ästhetisches Empfinden und unseren gesunden Menschenverstand darstellen.
Nun ist unter Redaktoren und Journalisten notorisch bekannt, dass im Nachrichtenverkehr auch Satire und Ironie ein hohes Gefahrenpotential mit sich tragen, weil sie vom Leser häufig nicht als solche erkannt werden. Wir kennzeichnen isolierte Nachrichten deshalb mit Signaturen, in denen ein «ASAT» als Kurzform für «Achtung Satire!» zu finden ist. Es soll unmissverständlich nachweisbar machen, dass der Akt des Unschädlichmachens mit den klassischen Mitteln dieser literarischen Techniken bewerkstelligt wird. Da sie keinem Urheberrecht unterliegen, erheben wir auf diesen speziellen geistigen Algorithmen auch keinen Patentschutz. Ihre Funktionsweise kann in der klassischen Poetik – angefangen bei Aristoteles – nachgeschlagen werden. Den ungehinderten und verbreiteten Einsatz empfehlen wir ausdrücklich. (wb)
Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
