![]() |
02.12.2005 — Im alten Griechenland gab es die Kyniker, die – wie später die mittelalterlichen Hofnarren – dem «Erhabenen» derbe Spässe entgegensetzten. Diogenes, ihr bekanntester Vertreter, soll tagsüber allerdings auch mit einer Laterne durch Athen gelungert sein – auf der Suche nach Menschen.
Als Kyniker kann man auch Emmanuel Schikaneder verstehen, den Librettisten der «Zauberflöte». Sinnigerweise ist diese neben Saint-Exupérys Geschichte vom «kleinen Prinzen» eines der populärsten Werke kindlich-unschuldiger Poesie geblieben – ein Dauerbrenner. Wir haben uns einmal sagen lassen, dass Literaturbestseller-Listen ziemlich langweilig aussehen würden, wenn tatsächlich verkaufte Bücher und nicht nur Neuerscheinungen aufgelistet würden. «Der kleine Prinz» wäre ständig auf Platz eins (und ist es am einen oder andern Ort in der Schweiz auch tatsächlich – in einer neu erschienenen berndeutschen Dialektfassung).
Wir schweifen ab. Schikaneder betrieb in Wien ein volkstümliches Theater, in dem er die am Hofe angesagten Stücke durch den Kakao zog. Einen lebhaften Eindruck davon bot in den achtziger Jahren der Film «Amadeus» von Milos Forman. Da wird gezeigt, wie die Schikaneder-Truppe sich über «Don Giovanni» mokiert. Die lustvolle, ja aberwitzige Verballhornung gipfelt darin, dass ein künstliches Pferd vorne mit Stroh gefüttert wird und sich hinten dafür mit Würsten revanchiert.
Ähnlich wie die Kyniker, die Hofnarren und Schikaneder setzt André Rieus Orchester – oder sollte man besser «Showtruppe» sagen – Hochgeistigem Hochbusiges und feiner Kost derbe Komik entgegen und hat mit dem jahrtausendealten Rezept durchschlagenden Erfolg.
Seine Konzerte sind damit keineswegs ein Zeichen dafür, dass die Aufmerksamkeitsspanne der Zuhörer drastisch gesunken ist (Kritik, Version Oberlehrer), sich nur noch Weichgespültes verkaufen lässt (Kritik, Version Feuilletonredaktor) oder reine Geldmacherei die Kunst beherrscht (Kritik, Version Kulturpessimisten).
Ganz im Gegenteil: André Rieu gehört als hochintelligenter und mit allen Wassern gewaschener Entertainer zum festen Figuren-Repertoire im Grossen Welttheater der europäischen Hochkultur – eben als Kyniker. Er bedient sich hemmungslos, aber mit viel Selbstironie im Kabinett der Klischees. Er persifliert gar Infantilitäten, die beim einen oder andern ab und zu kalten Schauder provozieren. Denn Hand aufs Herz: Wer weiss nicht unzählige Episoden aus erstklassigen Orchestern zu berichten, in denen der Umgang mit- und untereinander ebenfalls alles andere als erwachsen anmutet. Subtile Demütigungen, destruktive Intrigen, frustrierte Verbitterung und offene Fertigmacherei sind da beileibe keine unbekannten Mechanismen.
Rieus Humor bleibt bei aller Simplizität darüber hinaus aber immer ausgesprochen liebenswürdig, und er sieht die Welt immer ein bisschen lockerer als die Fetischisten des guten Geschmacks. Aus seinen Konzerten strömen die Zuschauer (die paar wenigen) und Zuschauerinnen (die überwältigende Mehrheit) fröhlich und einander zugetan. Da kommt einem der Niederländer plötzlich auch irgendwie wie Diogenes vor, der mit der Laterne in der Hand nach Menschen fahndet. (wb)
Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins
