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Musikmesse – Ende des Notendrucks

Von Wolfgang Böhler

 

31.03.2006 — An der Frankfurter Musikmesse scheint vieles so, wie es schon immer war und wie vermutlich nicht wenige hoffen, dass es immer bleiben werde. Die Anzeichen der radikalen Umbrüche im Verlagswesen, welche die modernen Technologien mit sich bringen, sind buchstäblich an den Rand gedrängt. Sie werden von den deutschen Messebesuchern zudem vermutlich weniger beachtet, weil ihre Exponenten offenbar noch in fremden Zungen reden. Die Halle der traditionellen Verlage, welche sich die Branche – wohl aus Gründen des akustischen Wohlverhaltens – mit den sich eher dezent gebärdenden Anbietern von Akustikgitarren teilen darf, wird von den Ständen von Schott Music und dem gemeinsamen Auftritt der grossen Musikverbände beherrscht. Da spürt man das Bemühen nach dem modernen und dynamischen Erscheinungsbild, das sich aber offensichtlich nicht auf die Internetstrategien auswirkt – über die überwältigende Mehrzahl der Verlags-Webseiten muss man auch heute noch das Mäntelchen der Barmherzigkeit legen. Informatik-Hilfsmittel sind in der Messehalle – zwischen den Notenangeboten von Bärenreiter, C.F.Peters, Henle, Schott und Co. – bloss präsent, wo es um die Automatisierung der kaufmännischen Prozesse geht.

Die Vorboten der wirklich neuen Geschäfts- und Distributionsmodelle sind gut versteckt. Sie finden sich etwa am Stand der dänischen Firma Edition Global (www.editionglobal.com), die Verlagen eine gut durchdachte komplette Internet-Infrastruktur für den Onlinevertrieb von Noten offeriert, die der Käufer nur ausdrucken, aber nicht abspeichern kann, oder am Stand des amerikanischen Unternehmens Freehand Systems (www.freehandsystems.com), welches Tablet-PC-artige Anzeigegeräte für Noten mit ausgeklügelten Editierfunktionen anbietet.

Wer bereit ist, seinen Ohren einiges zuzumuten, stellt zudem in der Halle der Softwareanbieter fest, dass Notationssoftware und virtuelle Orchesterbibliotheken wie die Vienna Symphonic Library (www.vsl.co.at) mitterweile ein recht intuitives Arbeiten erlauben und das Orchester im Personalcomputer des Musiklehrers vermutlich zu einem der Katalysatoren des Umsatzes einer zukunftsorientierten Verlagsbranche werden dürfte. Ihm schauen es wiederum die Schüler ab.

Man kann es drehen und wenden wie man will: Das, was die Musikverlagsbranche am meisten daran hindert, die notwendigen Schritte Richtung Zukunft zu wagen, ist das, was sie als ihren wichtigsten Wert betrachtet: der sorgfältige, ästhetisch ansprechende und mit viel Liebe zum Detail erstellte Druck.

Die Kunst des Notendrucks ist – monetär betrachtet – jedoch ein Auslaufmodell. Man kann dies (mit sehr guten Gründen) bedauern und sich dagegen wehren. Die Zukunft liegt, ob man es will oder nicht, in einem Umgang mit Noten im Rechner als Bildschirmanzeige, MIDI- und selber erstellten Stimmauszügen, die irgendwann in der Prozesskette möglicherweise auch noch einmal vom heimischen Laser- oder Tintenstrahldrucker als Wegwerfprodukt auf Papier gebracht wird.

Mit dem traditionellen, stolzen Druckerhandwerk werden vermutlich bloss noch einige Liebhaberfirmen in Nischen überleben. Sie werden nostalgische Notendrucke als Kunstwerke mit haptischen Eigenwert und subtiler Layoutkunst verkaufen, welche die Käufer einrahmen und an die Wand hängen, jedoch nicht mehr zum praktischen Musizieren nutzen werden. Dafür werden sie für ihre Kunstwerke Sammlerpreise verlangen können. (wb)

Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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