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Wie kreativ ist Kunst wirklich?

Von Wolfgang Böhler

 

15.04.2006 — Kunst wird häufig als Ausdruck einer bestimmten Lebenshaltung gesehen, die im Gegensatz zu andern, mehr buchhalterischen Einstellungen zur eigenen Existenz, die Kreativität herausfordern. Kreativität wiederum wird charakterisiert mit Adjektiven wie «schöpferisch» (das ja bloss eine Übersetzung des etwas preziösen Ausdrucks «kreativ» darstellt), «originell», «spielerisch», «ganzheitlich», «grenzüberschreitend», «regelüberschreitend» und was der hübschen Umschreibungen mehr sind. Diese Vereinnahmung ist nicht folgenlos geblieben: Die Kreativität hat den Geruch des Begnadeten, Seherischen und emotional Überlegenen angenommen und die künstlerisch Tätigen zu einer Art Kaste gefügt, welcher die Aufgabe des Seismografen gesellschaftlicher Entwicklungen zukommen soll.

Dieses landläufige Bild von Kunst und Künstlertum hängt jedoch gleich in doppelter Hinsicht schief: Zum einen hat Kreativität nichts Mysteriöses oder Magisches an sich. Es handelt sich dabei einfach um eine mehr oder weniger lockere Kollektion von Strategien zur Lösung von Problemen oder zur Schaffung von Sachverhalten. Zum andern gehorcht nicht nur die Produktion von Kunst solchen Gesetzen. Die gleichen Methoden verwenden auch Städteplaner, Buchhalter (die Metapher der «kreativen Buchhaltung» ist hier nicht gemeint!), Informatiker, Coiffeusen, Bibliothekarinnen, Köche und so weiter.

Der Versuch, Kunst über die Kreativität als charakterisierendes Kennzeichen zu definieren, ist untauglich. Kunst lässt sich gegenüber anderen menschlichen Betätigungen nicht mit den Methoden abgrenzen, die sie zur Ausübung ihrer Tätigkeit erfordert. Vielmehr ist die Charakterisierung des Kunsttypischen eine Frage des Gegenstandes des Interesses. Metallbauschlosser beschäftigen sich – auch mit kreativen Methoden – mit der Bearbeitung von Metall, Hebammen kümmern sich, nicht minder fantasiebegabt, um die Kunst (!) der Geburtshilfe, Hausfrauen nutzen ein volle Dosis Kreativität, um einen Haushalt und eine Familie in Schuss zu halten. Der Gegenstand der Kunst wiederum ist die elementare Beschaffenheit der menschlichen Sinne, ihre Funktionsweise und die vielfältigen Querverbindungen, die sie zum emotionalen System des Menschen unterhalten – und diese untersucht sie ebenso, aber eben nicht ausschliesslich, mit kreativen Strategien.

Dies zu erkennen wäre gerade auch für die Kunstschaffenden befreiend. Es würde sie nämlich von einer schweren Last befreien, welche die Mystifizierung der Kreativität als Kennzeichen des Künstlerischen unweigerlich mit sich gebracht hat: Von der Pflicht zur Inspiration. Kunstwerke fallen nicht vom Himmel, genausowenig wie verblüffende Lösungen für Probleme der Baustatik oder solche der Logistik im Detailhandel, die genauso «kreativ» sein können. Kunstwerke sind vielmehr das Resultat einer systematischen Beschäftigung mit aktuellen Fragen der (in einem ganz weiten Sinne ausgelegten) Wahrnehmungspsychologie und der Beherrschung der handwerklichen Mittel, die wie jedes andere professionelle Instrumentarium erlernt werden können.

Die als Inspiration titulierten plötzlichen Einfälle lassen sich auf das kognitionstypische Phänomen des Etwas-plötzlich-Sehens reduzieren, ein Phänomen, das die Hirnforschung erklären muss und auch immer besser versteht. Solche plötzlichen Eingebungen spielen in der Erschaffung von Kunstwerken faktisch eine relativ kleine Rolle und kommen genauso in anderen Tätigkeiten zur Tragen. Ungleich bedeutender sind Motivation und über lange Zeit gewachsene praktische Erfahrung im Umgang mit dem Material. (wb)

Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins

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