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Schafft die musische Schule ab!

Von Wolfgang Böhler

 

15.05.2006 — Im Bildungsartikel, der in der Schweiz Ende Mai zur Abstimmung kommt, geht es nicht um die Inhalte, die in der Schule vermittelt werden sollen, sondern um eine Harmonisierung von Grundstrukturen zwischen den Kantonen. In der faktischen Diskussion der weitgehend unbestrittenen Vorlage steht aber die Frage im Vordergrund, was die zeitgemässe Schule den Schülern mit auf den Weg geben solle. Dabei wird immer wieder ein Gegensatz konstruiert: Auf der einen Seite konditioniere die Unterweisung in den sogenannten harten Fächern Mathematik und Sprachbeherrschung den Nachwuchs angeblich für seine Rolle als «funktionierendes Rädchen einer Wirtschafts- und Profitmaschine». Auf der andern Seite forme ihn die musische Bildung und die Anleitung zur Kreativität zu einem selbstbestimmten, solidarischen und künstlerischen Menschen.

Das Gegenteil ist der Fall: Wer Kinder zu verantwortungsvollen Staatsbürgern mit echtem Selbstvertrauen erziehen will, die Rücksicht auf sozial Schwächere nehmen, muss mit ihnen die langweiligen Details elementarer Kulturtechniken pauken und ihnen die Grundregeln des menschlichen Anstandes beibringen – und akzeptieren, dass sie ihre eigenen musischen Vorlieben und Abneigungen haben.

Wer von musischer oder humanistischer Bildung spricht, welche die Schule vermitteln sollte, versucht in der Regel, im Namen von Toleranz oder vager metaphysischer Anmassung dem Heranwachsenden das eigene Weltbild und die eigene Ästhetik aufzuoktroyieren – sei es nun sogenannt fortschrittlich oder dezidiert konservativ. Die «musische» Schule tötet so den Geist und erzieht zu Unmündigkeit und Egozentrik.

Die Bewältigung der «harten» Disziplinen lehrt die Schüler auf der andern Seite, dass echte Fortschritte nur erreicht werden können, wenn sie nicht sich selber zum Mass aller Dinge machen und ein echtes Mitgefühl für ihre Umwelt entwickeln. Ob diese Fertigkeiten dann zu einer Karriere als Greenpeace-Aktivist, Investment-Banker, avantgardistischem Aktionskünstler oder Verwaltungsrat eines globalen Konzerns genutzt werden, darüber hat die Schule nicht zu bestimmen.

Jedem Schüler sollte deshalb nur gerade Folgendes beigebracht werden: kleines und grosses Einmaleins und Dreisatzrechnen, richtiges Einschätzen von Grössenordnungen, korrekte Grammatik, die Fähigkeit einen Sachverhalt sprachlich korrekt und knapp – und nüchtern! – darzustellen. Dazu kämen noch Rücksichtnahme auf die Schwächeren, solidarische Einordnung in eine Gruppe, eine Stunde konzentriertes Stillsitzen und Geduld beim schrittweisen Erarbeiten wenig sinnlicher Details eines Sachverhaltes oder einer Kulturtechnik.

Wenn dank einer solchen Reduktion des Stoffes für die Pädagogen Ressourcen frei werden, dann sollte die Schule diese für Elternarbeit nutzen: Die Eltern müssten dazu gebracht werden, einzusehen, dass sie die Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder nicht an die Schule delegieren können. (wb)

Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins

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